Bessere Lösungen » Probleme bewältigen » Auszeit von der Familie
Familie ist schön – aber oft auch ganz schön anstrengend. Da tut es gut, sich im Alltag immer wieder Zeiten zum Auftanken zu gönnen. Eine zweifache Mutter berichtet von ihren Erfahrungen.
„Ich bin dann mal weg!“ Die Tür fällt ins Schloss und für eine Stunde lasse ich alles hinter mir: alle Aufgaben, die noch zu erledigen wären, alle Anfragen, die mir vom Tag noch im Ohr sind: „Mama, ich hab’ Durst!“ „Mama, kannst du mir was vorlesen?“ „Mama, der Linus weint!“ Diese eine Stunde gehört ganz mir, ohne auf dem Weg „so im Vorbeigehen“ und damit eigentlich ohne großen Aufwand noch etwas zu erledigen. Eine Stunde, in der ich nur „ICH“ bin, ohne schlechtes Gewissen, ein Egoist zu sein – beruhigt in dem Wissen, dass mein Mann für die Kinder da ist. Ich genieße diese Stunde, und ich brauche sie.
„Ich bin dann mal weg“: Das Buch des Entertainers Hape Kerkeling, das wochenlang die Bestsellerlisten anführte und sich inzwischen weit über eine Million Mal verkauft hat, spricht die Bedürfnisse vieler Leser an: einfach so für kurz oder lang mal eben weg zu sein, unterwegs zu sein als Pilger mit handlichem Gepäck und dabei sich selbst zu erfahren. Derartige Auszeiten helfen Abstand zu gewinnen von nervenaufreibenden Situationen in der Familie und im Beruf, sie helfen Prioritäten neu zu setzen, die Sinne zu schärfen und zur eigenen Mitte zu finden. Doch wie lassen sich solche Auszeiten in den Familienalltag integrieren? Eine Tasse Tee steht vor mir auf dem Küchentisch, ich greife zur Tageszeitung. Meine Tochter Felicia hingegen hat anderes im Sinn, sie fordert mich auf zum Spielen. Ich vertröste sie auf später, was heftigen Protest auslöst. Selbst der Versuch, fünf Minuten Verschnaufpause auszuhandeln, wird nicht gleich akzeptiert: „Eine Mama darf so etwas nicht!“
Auch in der Familie sind Freiräume nötig, damit jeder das Miteinander genießen kann. Kinder brauchen die Eltern – zweifelsohne. Doch sie brauchen Eltern, die sich nicht überschätzen oder übernehmen, die klar sagen, was sie wollen und was sie nicht wollen; Eltern, die die Grenzen ihrer Belastbarkeit auf gute Weise verteidigen – vor sich selbst und gegenüber den Kindern. Damit helfen sie einander, sich als Paar wahrzunehmen und als zwei Individuen mit unterschiedlichen Neigungen und Interessen. Und sie helfen auf diese Weise ebenso den Kindern, selber ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln und zu artikulieren.
Das Bedürfnis allein zu sein ist bei jedem unterschiedlich ausgeprägt. Wichtig ist es für mich, das persönliche Maß zu erkennen und entsprechend freie Zeiten zu reservieren, die mir dann auch heilig sind. Verzichte ich darauf, gerate ich aus dem Lot. Eine unter gewöhnlichen Umständen nicht allzu schlimm erscheinende Situation bringt so das Fass zum Überlaufen, und ich reagiere über die Maßen gereizt oder ärgerlich. Seit kurzem ziert die Kinderzimmertür von Felicia ein Schild: „Bitte nicht stören – Hier wird geträumt.“ Kinder haben ebenfalls den Wunsch nach einer Auszeit: Wenn sie aus dem Kindergarten oder aus der Schule kommen, tagsüber zwischendurch, um abzuschalten oder um Raum für eigene Ideen und Vorstellungen zu gewinnen. Schön ist es, in der Familie eine Kultur der Achtsamkeit für solche Auszeiten zu pflegen: das Bedürfnis nach Rückzug ernst zu nehmen, es mit Wohlwollen zu begleiten und nicht als grundsätzliche Ablehnung von Gemeinsamkeiten zu verstehen. „Sich gegenseitig losschicken“ – heißt es bei meinem Mann und mir. Beim Samstagsfrühstück hat Felicia die Idee: „Papa, wir könnten doch beim Markteinkauf den Linus mitnehmen, dann kann sich die Mama mal hinlegen.“ Es sind kleine Zeichen der Wertschätzung. Die Kunst besteht manchmal auch darin, sie einfach anzunehmen.
„Ich-Zeiten“ und „Wir-Zeiten“ sollten im Familienleben ausgeglichen sein. So entsteht ein Miteinander, das nicht einengt, sondern mehr Lebendigkeit und Vielfalt bringt.
In der griechischen Mythologie gibt es zwei Götter der Zeit: „Chronos“ und „Kairos“. Chronos, ausgestattet mit Sichel und Stundenglas, symbolisiert die dahinfließende, messbare Zeit. Kairos hingegen gilt als der Gott des rechten Augenblicks und der günstigen Gelegenheit. Er wird dargestellt als junger Mann mit Flügeln an den Füßen, mit einer Haarlocke, die in die Stirn fällt, und zugleich einem kahlen Hinterkopf. Die Gelegenheit will beim Schopf gepackt werden, denn sie ist schnell verpasst. Entscheidend ist die Qualität der als Auszeit erlebten Zeit, unabhängig von ihrer tatsächlichen Dauer. So können wenige Minuten schon helfen, sich aus dem Alltagstrubel auszuklinken und durchzuschnaufen: am Vormittag, wenn die Kinder im Kindergarten und in der Schule sind, beim Einkauf in der Stadt mit einem Abstecher in eine nahe gelegene Kirche, um einzutauchen in einen Raum, der sich wohltuend von der Unruhe der Außenwelt abhebt, oder auch am Ende eines Tages, wenn das abendliche Ritual des Kinder-zu-Bett-Bringens der Ehepartner übernimmt und Zeit ist für eine Radtour oder einen Spaziergang.
Die Rückkehr ist genauso schön wie das Losgehen. Heimweh überfällt mich. Und wenn ich dann an der Haustür stehe und klingle, freue ich mich, wieder bei meiner Familie zu sein.
Stephanie Rebbe-Gnädinger
Aus: unser weg, Schönstatt Familienmagazin, 4/2007
www.unserweg.com
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