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Muträuber und Mutmacher

Claudia Brehm,

 

Eigentlich begann das Gespräch ganz locker, dann wurde es tiefer und ernster – doch plötzlich verabschiedete meine Bekannte sich schnell und ließ mich ratlos zurück. Was war passiert? Wo hatte ich falsch reagiert? Warum floh sie geradezu fort, obwohl wir doch so gut ins Gespräch gefunden hatten? Hatte ich sie verletzt? Ich wollte ihr doch nur Mut zusprechen …


Wirkliche Begegnung ist schwer

Es ist nicht leicht, einander wirklich zu begegnen, also nicht nur aneinander vorbeizuhasten, kurz zu grinsen und – je nach Region – dem/der anderen „Hey!“ oder „Hallo!“ oder „Alles im Griff?“ zuzurufen und weiterzurennen. Stehenzubleiben, sich dem anderen bewusst zuzuwenden, sich auf ihn einzulassen, sich ihm zu öffnen und die eigenen Gedanken und Probleme hintenan zu stellen, um ihm Freiraum zu schaffen – da gehört schon einiges dazu.

Auf dich ausgerichtet statt eigenzentriert
Wie oft laufen Gespräche „eigenzentriert“. Der Zuhörer wartet kurz, bis er ein Stichwort gefunden hat, auf das er einsteigen kann: „Ja, das war bei mir genauso …“ Und dann erzählt er lang und breit, was er erlebt hat. Oder das Stichwort veranlasst ihn, wichtigtuerisch mit einem „Ja, aber …“ zu kommen – und dies oft weniger, um dem anderen einen neuen Aspekt aufzuzeigen, sondern um den eigenen Geist und Esprit aufleuchten zu lassen. Besonders unangenehm wird es, wenn kranke Personen belehrt werden: „Lass doch endlich den Chemie-Kram weg; der hilft doch sowieso nicht!“ Aber es geht hier nicht primär um die Diskussion „Chemie gegen Homöopathie“, sondern um einen verunsicherten, schmerzgeplagten Menschen, der vielleicht schon alles ausprobiert hat und jetzt wenigstens ein bisschen Hilfe und Linderung findet. Wie schnell „hauen“ wir einander Ratschläge um die Ohren (wir meinen es doch nur gut!?), und treffen damit empfindlich die Seele des Gegenüber, der sich dadurch leicht missverstanden und allein fühlt.

Zuhören ist Zuwendung
Zuhören heißt Anteil nehmen, im wahrsten Sinne des Wortes: Ich nehme die Teile, die mir mitgeteilt werden, an. Das hat mit echtem Interesse zu tun und damit, dass ich meine eigenen Aussagen nicht wichtiger nehme als die der anderen.

Zuhören. Ich wende mich von allem anderen ab und widme mich ganz meinem Gegenüber. Führen wir nicht oft Tür-und-Angel-Gespräche? Gespräche, in denen wir eigentlich mit etwas anderem beschäftigt sind und daher nur nebenbei zuhören und reden? Wenn ich nicht richtig zuhöre, sieht man mir das an der Körperhaltung, am Gesicht, an meiner Blickrichtung an. Wenn ich mich dem anderen äußerlich zuwende, signalisiere ich ihm: „Du bist mir wichtig! Dir gehört jetzt meine ungeteilte Aufmerksamkeit!“

Wir Menschen haben sehr feine „Antennen“, um zu spüren, ob wir geteilte oder ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen. Wenn mein Kind oder mein Mann mir etwas erzählen und ich nebenher auf meinem I-Phone tippe, gebe ich nur meine geteilte Aufmerksamkeit. Wenn meine großen Kinder abends heimkommen und ich neben der Fernsehsendung her frage: „Wie war’s?“, bekommen sie nur meine geteilte Aufmerksamkeit.
Ungeteilte Aufmerksamkeit würde heißen: Ich drücke meinem Kollegen die Akte nicht nur im Vorbeigehen in die Hand, sondern wende mich ihm zu, verweile kurz, lächle ihn an. Der Kassiererin gebe ich nicht nur wortlos mein Geld, sondern halte Augenkontakt, wünsche ihr etwas oder sage ihr, dass ich gern bei ihr abkassieren lasse, weil sie immer gut drauf zu sein scheint. Und mit meinem Baby gehe ich spazieren, ohne dass ich am Handy hänge oder mein I-Phone traktiere, denn sonst signalisiere ich sogar ihm: Dieses Kästchen ist um einiges wichtiger als du.
„Höre geduldig den an, der mit dir spricht, und beeile dich nicht, ihn zu unterbrechen. Man fängt keine Unterhaltung mit Antworten an“ (aus „Tausend und einer Nacht“).

Was Frauen hilft
Wenn Annemarie müde und geschafft aus dem Altenheim zurückkommt, weil sie vier Senioren besucht hat, und ihr Mann dann analysierend kommentiert: „Man besucht ja auch nicht gleich vier Personen, eine tut‘s auch und die anderen dann beim nächsten Mal!“, dann mag das logisch gedacht die richtige Schlussfolgerung sein – aber für Annemarie ist sie im Moment wenig hilfreich. Sie bräuchte ihren Mann, der sie in den Arm nimmt und sagt: „Da hast du dir aber viel zugemutet. Sicher haben sich die vier riesig gefreut. Setz dich, ich mache uns einen Kaffee!“ Damit würde es Annemarie wieder gut gehen, weil sie sich verstanden fühlt, und sie würde nächstes Mal sicher weniger Besuche am Stück machen.

Frauen möchten reden, wenn sie Stress oder ein Problem haben. Meistens brauchen sie dann einen Zuhörer, der durch kleine Zwischenrufe wie „Ach!“ „Aha!“ „Ah ja!“ sein Interesse und Verständnis kundtut. Eine Lösung oder Analyse suchen Frauen spontan nicht bzw. tun sie eher unwillig ab; sie spüren sie sowieso meist intuitiv selbst. Sie empfinden Befreiung und Erleichterung, wenn sie den Sachverhalt aussprechen konnten und dabei auf Verständnis stoßen. Danach ist es oft schon wieder gut!

Was Männer brauchen
Beim Mann ist es in der Regel so: Er hört oder sieht das Problem, konstatiert: jedes Problem schreit nach einer Lösung – und diese liefert er. Nun erlebt er aber: Obwohl er die tolle Lösung liefert, verhält sich seine Frau ablehnend und unzufrieden. „Wie ich es mache, ist es verkehrt“, schlussfolgert er und zieht sich zurück – was sie wiederum schrecklich unsensibel findet. Beide fühlen sich unverstanden und sind unglücklich. Es wird kälter um beide herum.

Wenn „Mann“ ein Problem sieht oder Stress hat, braucht er seine „Höhle“, um sich zurückzuziehen – neben irgendeiner Arbeit her: Holz hacken, Auto putzen, Computer-Dateien aufräumen … Auf jeden Fall will er nicht reden, wozu seine Frau ihn auffordert: „Ich spüre doch, dass du etwas hast. Sag es mir doch!“ Da ihr selbst das Reden hilft, schließt sie, dass ihm das auch helfen müsste – doch weit gefehlt. Wenn er ungestört in seiner „Höhle“ sein darf, wird er irgendwann wieder aufgeräumt und neu gestärkt daraus hervorkommen und seinen Tag weiter leben.

Zwei völlig unterschiedliche Muster, die – wenn wir sie verstanden und uns wenigstens einmal darüber ausgetauscht haben – zu tieferem Verständnis füreinander und zu mehr Lebensfreude führen. Wenn er weiß, dass sie seinen Arm und sein Verständnis braucht, und wenn sie weiß, dass er keine Hilfe haben will, wenn er nicht darum bittet – und das nicht, weil er mich nicht mag oder weil ich in der Vergangenheit versagt habe, sondern weil er ein Mann ist und wie ein Mann denkt und fühlt –, sondern nur seinen Rückzugsort braucht, dann können Mauern und Mäuerchen zwischen uns bröckeln und Platz für verbindende Brücken schaffen.

Zeit haben – oder sich Zeit nehmen
Die Muträuber in meiner Sprache schlagen vor allem dann zu, wenn es hektisch wird und ich im Stress bin. Das hat eine amerikanische Studie 2016 durch eine interessante Versuchsreihe festgestellt: Wenn Menschen es eilig haben, nimmt ihr Blick für andere, ihre Hilfsbereitschaft und Barmherzigkeit, kontinuierlich ab. Haben sie Zeit, kümmern sie sich selbstverständlicher, länger und effektiver um andere. – Schlechte Karten für eine Zeit wie die unsere, in der bei den unzähligen „Zeitfressern“ um uns herum keiner mehr Zeit zu haben scheint.

Meine Freundin Renate hat letzten Samstag beim Einkaufen eine mutmachende Erfahrung gemacht, die ihr sehr zu denken gab. Sie erzählte: „Ich war im riesigen Multi-Markt schon auf dem Weg zur Kasse, hatte sogar schon eine Kasse ‚ausgespechtet‘, an der nur sechs Leute vor mir waren, als ein älteres Ehepaar mich ansprach – sie mit Rollator, er mit Stock: ‚Können Sie uns sagen, wo die Butter ist?‘ O je, die war am hintersten Ende des Riesen-Supermarktes. Ich wollte gerade groß anfangen zu erklären – der Weg war auch noch ziemlich kompliziert –, als ich dachte: Die armen Beiden, wenn die jetzt bis nach dort hinten müssen und dann wieder nach vorne … Aber ich habe echt keine Zeit (ich musste meine Schwiegermutter vom Bahnhof abholen …) Die beiden nach hinten zu begleiten, das würde lange dauern. Aber ich könnte ja … ‚Ich werde die Butter für Sie holen; der Weg ist ziemlich weit nach da hinten. Möchten Sie eine oder zwei?‘ ‚Zwei, bitte! Ach, das wäre aber sehr nett von Ihnen, wir sind wirklich nicht sehr gut zu Fuß und hier sind die Wege alle so schrecklich lang!‘ In zwei Minuten war ich wieder zurück und die beiden meinten glücklich: ‚Wir denken heute den ganzen Tag an Sie, dass es ein guter Tag für Sie wird!‘ Tja, und was soll ich sagen? Als ich an der Kasse ankam, war nur eine Person vor mir, der Zug hatte genügend Verspätung, der Schwiegermutter schmeckte sogar mein Kuchen und am Abend fiel der ungeliebte Termin aus, so dass ich zu Hause bleiben konnte. Was so zwei Päckchen Butter alles vermögen!“

Höre ich wirklich zu?
Richtig zuhören – das werde ich mir in dieser Fastenzeit vornehmen. Ehrliche Antworten auf folgende Fragen helfen mir dabei, die Muträuber und die Mutmacher wirklicher Begegnung herauszufinden:

· Unterbreche ich den/die Sprecher/in?
· Lege ich meine Antwort schon zurecht, während der/die andere noch spricht?
· Warte ich nur auf ein Stichwort, um dann möglichst schnell einzuhaken?
· Lasse ich meine Gedanken abschweifen?
· Vollende ich die Sätze meines Gegenübers, weil ich eh‘ schon zu wissen meine, was er sagen wird?
· Rede ich, während andere sprechen?
· Frage ich zurück, wenn ich nicht genau verstanden habe, was er/sie meint? „Habe ich richtig verstanden, dass du …?“ Nachfragen gibt dem Sprechenden zudem das Gefühl, dass ich mich wirklich für ihn interessiere, und durch nochmaliges Neu-Formulieren von seiner Seite aus bekommen sowohl er als auch ich neue wichtige Hintergrund-Informationen.

Ich freu‘ mich auf die Fastenzeit!

In: BEGEGNUNG – Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen 1/2017
www.zeitschrift-begegnung.de


 

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