Hoffnungsvoll leben


Tür in Rhodos-Stadt, Griechenland © G. Glas

Entdeckungsreise durch mein Leben: Gott erfahren - heute und hier?

Vor einiger Zeit las ich den Satz, dass das Christentum eine Erfahrungsreligion sei. Die Apostel haben erfahren, wie Jesus Wunder gewirkt hat, sie haben erfahren, dass er auferstanden ist, sie haben ihn gesehen, berührt, mit ihm gegessen. Sofort fragte ich mich: Wie sieht es denn mit meinen Erfahrungen aus? Wie gern würde ich Jesus sehen, ihn berühren, ihn etwas fragen und direkt eine Antwort bekommen - wie viel einfacher wäre dann alles. Aber diese unmittelbare Erfahrung der Gegenwart Gottes, wie sie die Jünger machen konnten, kann ich eben nicht machen. Muss ich nicht doch glauben, was andere mir sagen, was in der Bibel steht? Wie steht es mit meinen persönlichen Erfahrungen?

 

Erst sah ich nur das Schwere ...

Ich habe mich auf den Weg gemacht, meine Erfahrungen mit Gott zu suchen. Interessanterweise fielen mir erst einmal alle Situationen meines Lebens ein, wo es mir richtig schlecht ging. Gut, ich habe alles überstanden - aber ich wurde erst einmal richtig wütend. Hier soll Gott mir nahe gewesen sein? Das war wirklich schwer zu glauben! Wenn er da war, wieso ist mir dann so viel Schweres widerfahren? Warum hat er mich dann so leiden lassen? Warum habe ich mich dann so allein gefühlt? Fragen über Fragen - und die alten Wunden brachen mit aller Macht wieder auf, so stark, dass sie mich beinah überwältigt hätten ...

 

An diesem Punkt begann ein langer und schmerzhafter Weg der Aufarbeitung. Ich musste noch einmal alles anschauen. Ich klagte über die verschiedenen Leiderfahrungen, und ich klagte auch Gott an, wo er denn da gewesen sei. Alles, was so lang in mir begraben war, brach mit aller Wucht auf, und als alles offen da lag, konnte ich etwas sehen, was ich bis dahin nicht gesehen hatte: In der Tiefe jeder Wunde lag etwas, das sich nach Erlösung sehnte. Einmal war es eine alte Verletzung, die ich nicht loslassen wollte, wo ich mein Selbstmitleid nicht überwinden konnte. Einmal war es eine Charakterschwäche, die ich mir nicht eingestanden hatte, die aber meinen Mitmenschen und mir das Leben schwer machte. Ein anderes Mal war es das Festhalten am eigenen Willen - ich wollte Gottes Hilfe immer nur so weit, wie ich ihn in meinen Augen brauchte, aber danach wollte ich selber weiter machen und mich nicht stören lassen. Ich wollte alles selbst im Griff behalten - und war doch eigentlich eine Gefangene. Eine Angst kam zum Vorschein, die tief in mir Wurzeln geschlagen hatte. Eine Angst, die Gott mir nehmen wollte, aber er konnte es nicht, weil ich nicht bereit war, sie ihm zu geben. Ich erkannte, dass Gott tatsächlich immer da gewesen war, nur: ich konnte es nicht sehen, nicht erfahren, weil ich nicht bereit war, mich zu öffnen.

 

... doch dann verstand ich: Er hat mich geführt

Als ich nun alles sah und alles ganz bewusst in Gottes Hand gelegt hatte, begann ein langsamer Heilungsprozess, über den nun fast schon zwei Jahre vergangen sind. Als mein Mann und ich uns neulich über diese Zeit unterhielten und die Ereignisse noch einmal an uns vorüber ziehen ließen, wurde uns bewusst, dass es eigentlich immer ganz kleine, unscheinbare Ereignisse waren, die eine Veränderung brachten: Ein Zeitungsartikel, den mein Mann gelesen hatte, machte uns auf eine Veranstaltung in Bonn aufmerksam, sie heißt Nightfever. Dort findet jeden Monat eine Nacht der Anbetung stattfindet. Auf einer dieser Veranstaltungen traf ich einen Priester, der mich auf ein Buch aufmerksam machte; er gab mir eine Adresse. Durch diesen Kontakt lernte ich einen anderen Priester in meiner Nähe kennen, der mir half, vieles besser zu verstehen und aufzuarbeiten. Durch ihn wurde mir neu bewusst, wie wichtig das Gebet ist, und ich begann, mir mehr Zeit dafür zu nehmen. Ich spürte, wie mich das Gebet langsam und "leise" veränderte, wie es mich stärkte und die Kraft hatte, mich auch mit dem Schwerem in meinem Leben zu versöhnen. Immer waren es kleine, scheinbar nebensächliche Dinge, die - im Nachhinein betrachtet - die alles entscheidende Wende bewirkten. Und auf einmal lag es ganz offen auf der Hand: Tatsächlich, ich bin geführt worden! Ich habe schon oft vom Vorsehungsglauben gehört. Irgendwie war es immer eine beruhigende Vorstellung, dass Gott für jeden Menschen sorgt, aber ich blieb immer seltsam distanziert. Erst als ich mich auf die Suche nach der unmittelbaren Erfahrung Gottes in meinem Leben machte, änderte sich alles. Es war nicht so leicht, meine Vorstellung von Gott, das was ich irgendwann mal gehört und gelesen hatte, fallen zu lassen und mich auf neues, unbekanntes Terrain zu begeben, mich wirklich in seine Hand zu geben und sie auch dann nicht zu verlassen, als es ungemütlich wurde ... Doch heute kann ich voll Dankbarkeit sagen: Durch die Erfahrung der Trauer, des Schmerzes, der Wut und des Versagens ist etwas ganz Neues in mir gewachsen. Der heilige Paulus bringt einen solchen Prozess in seinem Brief an die Römer in wenigen Worten auf den Punkt:

 

"Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist."


W.L.

Aus: BEGEGNUNG - Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen,1 /2009
www.zeitschrift-begegnung.de

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