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Wie Werte in den Kopf und von dort ins Herz kommen

Klaus Glas,

 

Werte sind wie Sterne am Firmament des Lebens

Werte sind wie leuchtende Fixpunkte am Firmament des Lebens. Sie geben dem Menschen Halt, wenn er auf seinem Schiff in Sturmnot gerät und weisen ihm den Kurs, der ins Land der Freiheit führt. Werte haben somit eine motivierende und eine steuernde Funktion. Sie beeinflussen den Einzelnen genauso wie die Gemeinschaft. Welche Werte für eine Gesellschaft wichtig sind, hängt davon ab, in welchen Regionen des Weltenmeeres man unterwegs ist.

Menschen in kollektivistischen Kulturen legen Wert auf Familie und Harmonie in der Gruppe. In asiatischen Ländern wird deswegen im alltäglichen Umgang darauf geachtet, dass der andere sein Gesicht nicht verliert. In individualistisch geprägten Kulturen wird dagegen weniger das „Wir“ als das „Ich“ betont: das Individuum ist stolz auf seine Leistung. Eine Streitkultur ist politisch gewünscht. Ganz oben in der Wertehierarchie rangieren Werte wie Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit. Der Mensch des Westens hat dem entsprechend kein schlechtes Gewissen, wenn er seinen Arbeitsplatz wechselt oder wenn er seinen Partner verlässt. „Eine Ehe hält häufig nur so lange, wie beide Partner es wollen“, so der Psychologe David G. Myers in Bezug auf den überzogenen Individualismus.

Werte überall gleich, aber unterschiedlich ausgeprägt

Es gibt Trilliarden Sterne, aber nur wenige Werte. So fand der jüdische Psychologe Shalom H. Schwartz bei seinen Untersuchungen in mehr als 70 Ländern 10 universale Werte. Das von ihm konzipierte Werte-Modell kann man sich mit Hilfe einer Graphik vorstellen: ein Kreuz, um das ein Kreis gezogen wird. Die sich kreuzenden Linien stellen zwei Dimensionen dar. Die erste Dimension entfaltet sich zwischen den beiden Polen „Offenheit für Wandel“ und „Bewahrung des Bestehenden“, die zweite zwischen den Polen „Selbst-Erhöhung„ und „Selbst-Transzendenz“. Der Wert „Wohlwollen“, bei dem es um das Wohlergehen anderer Menschen geht, ist in dem Wertekreis verortet am Pol „Selbst-Tranzendenz“ mit einem Hang zur „Bewahrung des Bestehenden“.

In einer Buch-Neuerscheinung zur „Psychologie der Werte“ werden zwei Dutzend Werte - von „Achtsamkeit bis Zivilcourage“ - vorgestellt. Auch traditionell christliche Tugenden, wie „Dankbarkeit“, „Nächstenliebe“ und „Vergebung“, sind in dem Kanon der Werte gelistet.

Von Natur aus auf das Gute eingestellt

Wie gelangen diese Werte in unser Gehirn? Klar ist: schon die Allerkleinsten orientieren sich an moralischen Werten. Das konnte Paul Bloom von der Yale University zeigen. Seit Jahren interessiert er sich dafür, wie sich bei Kindern das Gewissen ausbildet. In einer Untersuchung spielte er 12 Monate alten Kindern Kasperle-Theater vor: zwei Puppen machen ein Ballspiel. Es geht hin und her, bis die eine Puppe den Ball schnappt und mit ihm wegläuft. Anschließend bekommen die Kleinkinder die Gelegenheit, die Puppen kennen zu lernen. Bei den Figuren wurde jeweils ein kleines Geschenk platziert. Die Kinder durften sich eines davon aussuchen. Wie erwartet nahm in dieser Situation ein kleiner Bub der unartigen Puppe das Geschenk weg. Damit nicht genug, beugte sich der Junge nach vorn - und gab der bösen Puppi, die mit dem Ball abgehauen war, einen Klaps auf den Hinterkopf.

Nach Bloom kommen Babys mit einem „Sinn für Moral“ auf die Welt. Für den Entwicklungspsychologen gibt es angeborene Muster der Moralität. Auch andere Experten gehen davon aus, dass es im menschlichen Gehirn eine Handvoll spezifischer „Moral-Module“ gibt. Diese fest verdrahteten Nervennetzwerke treiben kleine Kinder dazu an, bestimmte Dinge zu tun. Das Mitgefühl-Modul ist mit dem moralischen Prinzip der Leidlinderung verknüpft. Das kann man in Experimenten gut beobachten; in einer arrangierten sozialen Situation reicht ein anderthalb Jahre altes Mädchen einer vermeintlich traurigen Erwachsenen ihren Teddybär zum Troste.

Von der Macht des guten Vorbilds

Wie können Werte das menschliche Tun beeinflussen? Damit die Werte im Menschen zur Entfaltung kommen können, braucht es zwei Komponenten, die nur im Verbund ihre Wirkung entfalten: Veranlagung und Erziehung. Nature and nurture, wie die Amerikaner sagen, kommen als Zwillinge daher, die stets Hand in Hand gehen. Wenn man so will, legt Gott jedem Menschenkind ein Werte-Brettspiel mit in die Wiege. Die Regeln sind klar. Es geht darum, das Gute für die Gemeinschaft zu mehren und das Böse zu unterlassen. Dementsprechend wird eigennütziges Verhalten sanktioniert und gütige Handlungen belohnt. Zugleich muss beachtet werden, dass der Einzelne sich nicht gänzlich in der Gemeinschaft auflöst. Werte dienen oft – nicht immer – auch dem Wohlergehen des Einzelnen. Das Festhalten an Überzeugungen und Werten kann aber auch tödlich enden. Märtyrer, wie Dietrich Bonhoeffer und P. Franz Reinisch, geben beredt Zeugnis davon.

Bei der Weitergabe von Werten spielt das von Albert Bandura untersuchte „Lernen am Modell“ eine wichtige Rolle. Ein bestimmter Kern im Gehirn des Kindes, die Amygdala, reagiert empfindlich auf die Glaubwürdigkeit des Erziehers. So entwickelt der eine Junge das Gefühl, sein Vater sei wie ein Bergführer, der selber den Gipfel der Werte unter Anspannung aller seiner Kräfte zu erklimmen versucht. Ein anderer Bub erlebt vielleicht einen Vater, der wie ein Wegweiser ist. Der weist zwar in die richtige Richtung, bewegt sich aber selbst nicht. Damit Werte wirksam werden, braucht es Menschen, die sinnfällig vorleben, was sie selber verkünden. Ein Beispiel: P. Josef Kentenich war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem Jungen-Internat zum geistlichen Begleiter und Vertrauenslehrer ernannt worden. Seine Konzept der Wertevermittlung verstand er dabei weniger als Vermittlung von Ideen. Er sah er sich als Bergführer, der den Jungen vorangeht und ihre Anstrengungen teilt. Er bezog sich dabei auf ein Wort des Schriftstellers Jean Paul, den er offenbar schätzte: „Leben entzündet sich an Leben.“

Wertevermittlung in der Gemeinschaft

Seit Beginn der 1980er Jahre spricht man von einem Wertewandel. Dies zeigt sich vor allem im Bereich der Erziehung. In Kindergärten und Grundschulen werden weniger Pflicht- als vielmehr Selbstentfaltungs-Werte als erstrebenswert angesehen. Statt Pünktlichkeit bringt man den Kindern Partizipation nahe – wie immer die Erzieherinnen das auch auslegen mögen.

Die mehr als eine Million Migranten, die Zuflucht in Deutschland suchen, erleben täglich hautnah einen Prozess, den Soziologen als Akkulturation bezeichnen. Die Menschen aus Syrien und Afghanistan, aus Albanien und Afrika werden sich mit unseren westlich gefärbten Werten auseinandersetzen müssen. Umgekehrt werden die Deutschen sich fragen: „Was ist für unsere Gesellschaft weiter wichtig? Welche Werte helfen uns dabei, uns nicht abzuschotten, sondern Mitgefühl zu fördern?“

Lernprozesse in der Gruppe sind hoch-effektiv. Mitglieder unterstützen sich wechselseitig dabei, allgemein anerkannten Werten zu folgen. Und die Gruppe ermahnt jene, die dabei sind, einen Wert leichtfertig über Bord zu werfen. Deshalb sollten auf vielen Ebenen Begegnungen mit den Menschen aus anderen Kulturen gefördert werden. Dabei wird es für die Einheimischen wichtig sein, vor allem die Werte „Wohlwollen“ und „Universalismus“ zu füttern (siehe Tabelle). Um Isolations- und Abschottungstendenzen vorzubeugen braucht es das, was die US-amerikanische Psychologin Kristin Neff „verbindende Humanität“ nennt. Es geht hierbei um die achtsame Kultivierung eines Lebensgefühl, dass wir auf dem Meer des Lebens alle in einem Boot sitzen, aus dem wir keine und keinen über Bord werfen dürfen. Nur Menschen, die mitfühlend unterwegs sind, haben jenen Sternen-Blick, der mit einem Lächeln einhergeht.

in: basis 5/ 2016


 

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