Hoffnungsvoll leben


Zwei Jugendliche © K. Glas

Wir haben uns zum Sreiten gern

Geschwisterstreit und Konflikte zwischen Eltern und Kindern - ein ganz normaler Bestandteil des familiären Miteinanders. Trotzdem kostet es Kraft, die Konflikte auszuhalten. Und es kostet Kraft, wieder neu aufeinander zuzugehen. Familien berichten von ihren Erfahrungen - und warum es sich lohnt, diese Kraft immer wieder neu zu investieren.

 

Ohrfeige

Ich war fünfzehn, mitten in der Pubertät. Streitereien mit meinen Eltern waren an der Tagesordnung - meistens ging es darum, wie lange ich abends ausgehen durfte. Und vor allem mit wem - und wohin. Ich erinnere mich mit Grausen an diese Zeit. Ein Erlebnis hat sich mir aber im positiven Sinn tief eingeprägt.

Ich war am Diskutieren mit meinem Vater, die Einzelheiten weiß ich gar nicht mehr. Scheinbar muss ich ihn ganz schön provoziert und aus der Fassung gebracht haben. Die Auseinandersetzung gipfelte darin, dass er mir eine schallende Ohrfeige gab. Ich kann mich ansonsten nicht erinnern, jemals von ihm geschlagen worden zu sein. Zutiefst beleidigt habe ich mich damals in meinem Zimmer eingeschlossen und durch die versperrte Türe verkündet, dass ich ihn verachte und so bald wie möglich von zu Hause ausziehen werde.

Mein Vater kam dann nach einiger Zeit zu mir, bat um ein Gespräch und hat sich für die Ohrfeige in aller Form entschuldigt. Erst im Nachhinein ist mir klar geworden, wie viel Überwindung ihn das gekostet haben mag. Ich rechne ihm diesem Schritt bis heute hoch an.

Meine eigenen Kinder sind jetzt noch klein. Aber wenn ich ihnen gegenüber einen Fehler mache, entschuldige ich mich bei ihnen dafür. Ich habe von meinem Vater gelernt, dass man als Erzieher dadurch nichts verliert, im Gegenteil!

X.

 

... bis mir der Kragen platzte

Unsere siebenjährige Tochter kommt während der Schulzeit morgens nicht aus dem Bett. Ich  muss mir dann jeden Morgen anhören: blöde Schule, ich will nicht, ... bis mir eines morgens der Kragen platzte. Ich fuhr aus der Haut und schrie meine Tochter an.

 

Hinterher stand ich an der offenen Tür, um mir Luft zu zu fächern. Ich dachte: 'Das war auch nicht so toll, wie du da reagiert hast. Wie soll das später werden, wenn ich jetzt schon mit meinen kleinen Kindern manchmal so an meine Grenzen stoße?' Ich bin nah am Wasser gebaut. Die Kinder kriegen mich leicht so weit.

Als meine Tochter dann kam, habe ich mich mit ihr in unser Hausheiligtum gesetzt. Ich fragte sie, ob sie das so in Ordnung fand, wie das jetzt gelaufen ist. - Nein, natürlich nicht. Wie können wir das ändern? - Sie hatte eine gute Idee. Es war auf einmal leichter, darüber zu sprechen. Wir machten einen Neubeginn. Ich sagte zu ihr: Wir machen jetzt einen Strich darunter und fangen neu an. Ich bat den lieben Gott, uns dabei zu helfen. Dann drückte ich sie und gab ihr einen Kuss. So konnten wir beide wieder gut weitermachen.

 

Ich habe es schon einmal so gemacht, als mir die Worte fehlten und wir beide in Tränen waren. Damals war ich ganz erstaunt, wie die Atmosphäre des Hausheiligtums wirkte. Irgendwie platzte der Knoten und wir konnten wieder anders miteinander umgehen.

X.

 

Abendritual

„Lieber Gott, ich danke Dir, dass der Lukas heute zum Spielen bei mir war." „Lieber Gott, ich danke Dir, dass ich in der Turnstunde so gut das Seil hochgeklettert bin." „Lieber Gott, es tut mir leid, dass ich das Bild vom Aaron heute absichtlich zerrissen hab." Aaron spitzt die Ohren - und lächelt. „Ist schon wieder gut!", meint er, und gibt seiner Schwester die Hand.

In unserer Familie haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, am Abend zusammen mit den Kindern den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen. Wir danken für das, was schön war, wir bringen aber auch vor Gott und die Gottesmutter, was uns belastet, was missglückt ist. Wenn es tagsüber Streit gegeben hat, ist bei diesem Tagesrückblick die Gelegenheit, um Verzeihung zu bitten und sich wieder zu versöhnen. Den Kindern fallen oft Kleinigkeiten wieder ein, an die wir schon längst nicht mehr gedacht hätten. Und alle können in Frieden einschlafen. Unseren Kindern - und auch uns Eltern - tut diese Art, den Tag zu beschließen, einfach gut.

X.

 

Er brachte Versöhnungswein mit

Als meine Mutter Mitte 60 von ihrer Krebskrankheit erfuhr, war das für uns alle ein Schlag. Sie hat nicht viel darüber gesprochen. Es dauerte nicht lange, bis sie durch eine Lähmung auf fremde Hilfe angewiesen war. Wir haben sie dann in unserer Familie gepflegt.

In dieser Zeit wollte sie nicht mehr über Belangloses reden. Wenn wir über Angebote bei Aldi sprachen oder erzählten, was die Nachbarin gemacht hat, konnte sie sagen: Das will ich jetzt nicht hören. Sie hat nur noch tiefe Gespräche geführt. Sie hatte nichts mehr zu verlieren. Sie wollte vieles noch klären und Einheit in ihrer Familie schaffen.

Mein Bruder und ich zum Beispiel waren uns oft nicht einig. Er wohnte weit weg und kam nur ab und zu. Als es unserer Mutter so schlecht ging, kam er auch gelegentlich. Ich empfand, dass er mehr stört als hilft. Wir haben uns nicht vor unserer Mutter gestritten, aber sie hat die Spannung zwischen uns gespürt. Sie hat dann verlangt, dass wir uns an ihrem Bett versöhnen.

Mein Bruder sagte: „Ich wollte gerade fahren. Ich habe da jetzt keine Lust drauf."

Aber meine Mutter ließ nicht locker. Sie drang darauf, dass wir ein Gespräch führen.

Wir haben einander gesagt, was wir empfinden. Ich habe gesagt, wie es mir geht, wenn er auftaucht. Er hat gesagt wie es ihm geht, wenn er zu uns kommt

Als mein Bruder das nächste Mal kam, hatte er einen Versöhnungswein dabei. Dieses Gespräch hat uns geholfen für unser Verhältnis auch jetzt nach dem Tod unserer Mutter. Von uns aus wären wir nicht aufeinander zugegangen.

X.

 

Aus: UNSER WEG, Schönstatt Familienmagazin, 2/2007

www.unserweg.com

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