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Ich bin nicht meine Gefühle, ich habe Gefühle

Claudia Brehm,

Vom Umgang mit einer vitalen Kraft in uns

Gestern las ich in einem Psalm: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Sofort hatte ich das Gefühl, besser und freier atmen zu können. Vor meinen Augen tauchte das Bild einer weiten Ebene auf, die sich vor mir ausstreckte und voller neuer Möglichkeiten schien.

Raum in mir schaffen – dieser Wunsch ergreift von Zeit zu Zeit Besitz von mir; auch heute. Ich habe öfters das Empfinden, mit so vielem angefüllt zu sein, dass ein kleiner Tropfen, der dann noch hinzukommt, alles zum Platzen bringen könnte. Leere erscheint mir dann nicht negativ, sondern sehr anziehend.

Was tummelt sich alles in mir?
Nachrichten, immer wieder Nachrichten, vor allem schlechte. Eine Flut an Informationen, von denen ein Großteil völlig überflüssig ist. Dann: To-do-Listen, die auf’s Abarbeiten warten – und oft lange darauf warten müssen, weil so viel anderes los ist. Und schließlich: Gefühle. Eine Masse an Gefühlen, die oft kreuz und quer herumliegen. Positive Gefühle, die froh stimmen und hoffnungsvoll nach vorne blicken lassen. Und negative Gefühle, die Angst, Wut, Enttäuschung oder Hoffnungslosigkeit hervorrufen. Besonders anstrengend wird es, wenn diese Gefühle sich „die Klinke in die Hand geben“, sich also schnell aufeinander folgend abwechseln. Gerade noch habe ich mich an der von Reif überzogenen Rose im Garten gefreut, da biegt zwei Sekunden später der Nachbar um die Ecke, der es jedes Mal schafft, irgendeine Negativbemerkung über den Zaun zu rufen, die meine gute oder zumindest neutrale Stimmung zunichtemacht. Doch muss das so sein? Kann ich meine Stimmung, meine „Wetterlage“ nicht in mir tragen und bewahren? Warum bin ich manchmal so wetterabhängig von den Menschen, Vorgängen und Entwicklungen um mich herum? Warum gestehe ich ihnen so viel Macht zu, dass sie mich innerhalb von Millisekunden die Stimmung wechseln lassen?

Beobachtungen bei der Handtaschenbörse
Letztes Wochenende war ich auf einer Handtaschenbörse. Es gab Handtaschen zwischen 5 und 30 Euro zu erstehen. Die Designerstücke wurden am Ende versteigert. Bei dieser Veranstaltung waren Frauen jeglichen Alters anzutreffen, ein interessanter Treffpunkt. Mir ging es nicht um das Erstehen einer Handtasche (da ich meine sowieso meist irgendwo stehen lasse, entschied ich mich schon vor Jahren, ohne sie zu leben), es ging mir um die Beobachtung der kauflustigen Frauen. Da gab es die „fröhlichen Bienen“, die lachend jede Handtasche drei Mal drehen, um sie dann leichtfüßig zurückzustellen und zur nächsten zu schweben, nebenbei tolle Gespräche führend und am Ende glücklich mit wenigstens drei neuen Taschen nach Hause ziehen.

Dann gibt es die Stillen, die jeder anderen Frau den Vortritt lassen, vorsichtig auf ganz bestimmt Modelle zugehen, ernst wägen und abwägen und eventuell mit einer neuen, aber eher mit gar keiner Tasche heimkehren, weil nichts Passendes dabei war. Und dann sind da die Lauten und eher Schrillen, die schon zwei Handtaschen dabei haben und sich lauthals nach einer neuen, meist auffällig bunten Tasche umsehen. Sie bestimmen zeitweise das Klima, weil sie zu allem und jedem ihre wertenden Kommentare abgeben.

Und schließlich sind da noch die Kampferprobten. Sie steigen mit einem Blick scharf wie ein Dolch in den Ring und verteidigen jede Handtasche, die sie auch nur ansatzweise in Betracht ziehen, mit scharfer Zunge und spitzen Ellbogen gegenüber anderen potentiellen Käuferinnen. Diese sind offenbar ihre Feindinnen, denn sie interessieren sich eventuell für die Beute, die ihrer Meinung nach ihnen selbst zusteht. Kommentare wie: „Ich hatte diese Tasche aber zuerst!“ oder „Entschuldigung, für diese Tasche interessiere ich mich. Und mit Verlaub gesagt: Die steht Ihnen doch gar nicht!“ können einen da ganz schön in Wallung bringen. Warum ich das erzähle?

Entscheiden wir – oder lassen wir über uns entscheiden?
Wie leicht kommt es vor, dass bestimmte Ereignisse darüber entscheiden, wie wir gestimmt sind, zum Beispiel ob wir eine passende Handtasche gefunden haben oder nicht, ob uns jemand dumm angemacht hat oder nicht. Und doch sehnen wir uns danach, unabhängig von äußeren Ereignissen ausgeglichen und Herr/in über unsere Gefühle zu sein, anstatt uns von ihnen hin- und herwerfen zu lassen. Sitzen wir nicht allzu oft und allzu leicht der Vorstellung auf, dass unsere Gefühle durch Dinge ausgelöst werden, die im Außen passieren und wir ihnen somit wahl- und hilflos ausgeliefert sind?

Aber die Wahrheit ist: Unsere Gefühle entstehen in uns selbst! Es sind unsere Gedanken, die unsere Gefühle erzeugen. Wie wir über eine Sache denken, entscheidet wesentlich darüber, was wir fühlen. Ich komme vom Friseur und treffe eine Kollegin. Sie schaut mich „prüfend“ an (meine ich) und sagt kein Wort. Jetzt kann ich denken: „O je, meine neue Frisur scheint nicht vorteilhaft auszusehen, sonst hätte sie jetzt etwas Nettes gesagt!“ Meine Laune sinkt in den Keller. Ich bewege mich zwar weiter, aber sehr verunsichert. Oder ich kann denken: „Wenn sie nichts sagt, dann scheint meine Frisur nur für mich neu zu wirken und auf andere wirkt sie ganz normal. Uff, Glück gehabt!“ Und ich gehe fröhlich weiter. Oder ich bringe meine Kollegin gar nicht mit meiner Frisur in Verbindung, sondern unterhalte mich nur zwanglos mit ihr und gehe dann einfach weiter. Es ist nicht die Situation, nicht die andere Person, nichts, was im Außen geschieht. Gefühle entstehen in mir selbst – und damit kann ich sie bewusst steuern und kontrollieren.

Wahrnehmen, statt wegschieben und verdrängen
Positive Gefühle wie Lust, Freude, Erwartung, Neugier sind uns willkommen. Gefühle wie Enttäuschung, Angst, Traurigkeit, Ärger schieben wir meist jedoch weg oder verdrängen sie. Doch Gefühle, die nicht wahrgenommen werden, tendieren dazu, unter der Oberfläche weiterzuwachsen und Blüten zu treiben – oft so, dass die Folgen meist schlimmer werden als das ursprünglich unangenehme Gefühle im Ansatz eigentlich war. Es ist interessant, dass die meisten Gefühle nachlassen und verschwinden, sobald wir bereit sind, sie wahrzunehmen und anzuschauen. Der Weg aus dem Gefühl heraus geht also mitten durch das Gefühl hindurch.

Zum Beispiel: Ich spüre Ärger. Was will er mir sagen? Danke für dieses Signal! Oder ich spüre Traurigkeit. Ja, das ist okay. Mit unseren Gefühlen ist es manchmal wie mit unseren kleinen Kindern, wenn sie nörgeln und nerven: Genau dann, wenn wir bereit sind, nach der Ursache zu sehen und uns ganz auf sie einzulassen, hört das Nörgeln und Nerven auf, weil sie Aufmerksamkeit bekommen und gehört werden. Mein Gefühl und ich sind also zwei unterschiedliche Dinge. Ich bin nicht angespannt, sondern ich empfinde das Gefühl der Anspannung in meinem Nacken. Schon allein diese Formulierung schafft Abstand zu meinem Gefühl. Ich bin nicht mein Gefühl, ich spüre es nur, und es verschwindet auch wieder.

Gefühle sind momentane subjektive Empfindungen, angenehm oder unangenehm und unterschiedlich stark. Täglich erleben wir meist unbewusst folgenden Kreislauf in uns: Eine Situation, ein Ereignis tritt ein und ruft Gedanken in mir hervor. Daraufhin entsteht eine chemische Reaktion im Gehirn, die wiederum ein Gefühl in mir auslöst. Dieses Gefühl ruft weitere ähnliche Gedanken hervor, die wiederum chemische Reaktionen bewirken usw. Und das alles in wenigen Millisekunden.

Gefühle entstehen durch meine Bewertungen
Unsere Gefühle entstehen dadurch, dass wir eine Situation deuten und bewerten. Angstgefühle treten dann auf, wenn ich Situationen oder Menschen als gefährlich ansehe und mich überfordert fühle, angemessen auf sie zu reagieren. Trauer empfinde ich, wenn mir etwas unwiderruflich verloren ging, von dem ich überzeugt bin, es für mein Leben zu brauchen. Wut entsteht nicht dadurch, dass der Fahrer vor mir den Motor abwürgt, dann wieder startet und gerade noch bei Grün über die Ampel kommt, während sie bei mir schon wieder auf Rot schaltet, sondern dadurch, dass ich sein Verhalten negativ bewerte, mich ungerecht behandelt fühle und meine, für seinen „Fehler“ büßen zu müssen.

Meine Gefühle beeinflussen lernen
Unsere Gefühle dürfen nicht die „Herren“ sein, sondern die „Diener“, sie können Boten sein, aber niemals die Botschaft selbst. Die Heilpraktikerin Ellen Paetsch erzählt, sie habe beschlossen, alle Menschen, die sie ärgern, zu segnen. Als ein Autofahrer ihr einmal die Vorfahrt nahm, entfuhr ihr spontan: „Du Blödmann!“ Doch dann fiel ihr ihr Vorsatz ein und sie ergänzte: „Ich segne dich, du Blödmann!“. Doch eine innere Stimme habe ihr keine Ruhe gelassen, bis sie schließlich sagen konnte: „Ich segne dich!“ (ohne Blödmann).

Auf meine Stimme achten
Wie konnte ich nur, ich Idiot!“ Mein Selbstgespräch klingt barsch, ärgerlich, aggressiv. Dieselben Worte ganz langsam, liebevoll, mit tiefer oder hoher Stimme gesprochen, schwächt die negative Wirkung direkt ab. Bei Ärger auf sich selbst und andere heißt deshalb der Ratschlag: erst mal eine Nacht darüber schlafen (falls es geht), denn dann ist meine Stimme wieder im Normalton, statt im Ärgermodus, was dazu beiträgt, dass ich Abstand zu meinem Ärger bekomme und der andere eher versteht, was ich meine, und leichter darauf eingehen kann.


Bewusst Haltung einnehmen
Wenn wir traurig sind, kommen unsere Schultern nach vorne, unser Gang wird schleppend, wir schauen auf den Boden statt nach oben. Ich kann weitgehend über meine äußere Haltung bestimmen und dadurch Einfluss auf meine innere Stimmung nehmen. Den Rücken gestreckt und die Schultern nach hinten genommen, den Blick nach oben und nach vorne gewandt, löst nicht direkt unser Problem, aber es hilft, nicht in Resignation und Selbstmitleid zu versinken, sondern steigert unseren Anpackwillen und unsere Bereitschaft zur Veränderung.


Positiv formulieren
Unser Gehirn kann das Wort „nicht“ nicht verarbeiten. Wenn ich mir also sage: „Ich will mich nicht ärgern“, versteht mein Gehirn: „Ich will mich ärgern!“ Es ist hilfreicher zu formulieren: „Ich will gelassen bleiben; ruhig zu bleiben ist mir wichtig!“

Pater Kentenich wusste um diesen Vorgang. Er riet, Vorsätze, die man sich nimmt, positiv zu formulieren. Statt „Ich will nicht lügen!“: „Ich will bei der Wahrheit bleiben!“ Oder: „Ich will immer ehrlich sein!“


Dankbarkeit und Vergebung leben
Am Abend den „Hebel“ der Dankbarkeit ansetzen, egal wie schlecht oder stressig der Tag war, die „Edelsteine“ einsammeln, die es „trotz allem“ gab, hilft, den Gefühlswirrwarr in uns zu sortieren, anstatt dem „Katastrophenblick“ die Vorherrschaft zu überlassen. Dankbare Menschen – und dazu darf ich mich selbst ermuntern und erziehen – leben leichter und finden nach Krisenerfahrungen schneller wieder ins Gleichgewicht zurück.

Auch Vergebung ist ein zentrales Element im Umgang mit unseren Gefühlen. Solange ich nicht vergeben kann, kette ich mich mit meinen Empfindungen und Gedanken an das Gegenüber, das mir Böses angetan hat, und gebe ihm dadurch Macht über mich. Vergebung löst diese Fessel. Vielleicht ist es so, dass mein Gefühl mir sagt: „Jetzt kann ich es noch nicht, ich brauche noch Zeit, aber ich strebe es an“; das ist schon der wichtigste Schritt zum Ziel.

Auch ich selbst brauche Vergebung – von Menschen und von Gott. Vergebung ist ein Angebot unseres uns leidenschaftlich liebenden Vaters im Himmel, das wir oft viel zu wenig erkennen und ausschöpfen. Ich darf ihm mein Versagen bringen und seine Vergebung empfangen. Ich muss mich nicht mehr durch meine mich plagenden Gefühle winden, ich darf auf IHN schauen, auf seine Liebe und seine immer größeren Möglichkeiten und wieder neu beginnen – ganz neu.

Vergessen Sie nicht, wenn der nächste Gefühlssturm in Ihnen losbricht: Sie haben ein Gefühl, aber Sie sind nicht Ihr Gefühl. Sie bekommen nur gerade eine wichtige Botschaft. Viel Forscherdrang beim Ihr-auf-die-Spur-Kommen.

In: BEGEGNUNG – Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 1/2020
www.zeitschrift-begegnung.de


 

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