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Konflikte als Wachstumschance

Claudia Brehm,


Konflikte lieben wir gar nicht. Schon das Wort „Konflikt“ lässt so manche Frau zusammenzucken und in die „Schildkröten-Taktik“ verfallen: Kopf einziehen und warten, bis die Situation vorüber ist. Leider ist der Konflikt nach der Situation immer noch da und grinst uns nicht selten geradezu unverschämt entgegen...

Dabei gehören Konflikte – auch Ehekonflikte – naturgemäß zum Leben. Egal, wie wir uns verhalten, wir werden immer wieder aufeinanderstoßen. – Woher dann unsere Angst? Oft rührt sie daher, dass wir in der Vergangenheit durch einen ungeschickten Umgang mit Konflikten schlechte Erfahrungen angesammelt haben. Es lohnt sich, unsere Konflikt-Muster bzw. unser Verhalten in konfliktreichen Situationen einmal näher zu beleuchten und falls nötig zu verändern. Einfach um den Druck aus unserem Alltag herauszunehmen und der Angst: „O je, wann geht das nächste Mal wieder etwas schief?“ keinen Spielraum zu lassen.

Wo was zusammentrifft
Das Ursprungswort von Konflikt – confligere – heißt eigentlich nur: zusammentreffen. Die eheliche Partnerschaft ist eine Verbindung von zwei ganz unterschiedlichen Menschen, die auf der Suche nach Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten sind. Dabei ist es völlig normal, dass es immer wieder zu Konflikten kommt, dass man „zusammentrifft“ mit mehr oder weniger gegenläufigen Emotionen und jeder der beiden erst mal das Gefühl hat: Ich bin im Recht – der bzw. die andere soll sich bitte schnellstmöglich ändern!“ Beim konstruktiven Umgang mit Konflikten geht es darum, so „zusammenzutreffen“, dass wir am Ende in guter Stimmung auseinandergehen, weil wir zusammen etwas gelöst haben, mehr Klarheit gewonnen haben, einen Weg gefunden haben.

Was ausbremst, statt weiterzubringen
Was einer Beziehung sicher nicht förderlich ist: Konflikte zu vermeiden. Das ist unehrlich und führt nicht weiter, mich nicht und mein Gegenüber auch nicht. Der Konflikt wird, um endlich Beachtung zu finden, mit Sicherheit wieder auftauchen, dann vermutlich um eine Stufe schlimmer. Und mein Vorrat an schlechten Gefühlen wird sprunghaft anwachsen oder angewachsen sein, denn da ich den Konflikt nicht klargeredet habe (einen Konflikt ansprechen, ist für uns Frauen oft der erste Schritt, um einer Lösung näherzukommen), konnten die negativen Gefühle sich auch nicht „vom Acker machen“.

Mich verbiegen und „gute Miene zum bösen Spiel“ machen, obwohl ich anderer Meinung bin, damit jeder mich mag? Aber: Ich kann es niemals allen recht machen – und dazu bin ich auch gar nicht auf der Welt. Mark Twain sagt: „Wenn gerade alle mit dir einverstanden sind, dann spätestens solltest du dich fragen, ob du noch ehrlich bist.“

Mich zurückziehen und innerlich grollen nach Schildkröten-Manier? Der andere weiß vermutlich gar nicht, was los ist, und ich kläre ihn auch nicht darüber auf. Schmollen ist ja viel einfacher. Danach schlucke ich noch alles hinunter!

Lospoltern und Porzellan zerschlagen nach Gorilla-Manier? Hauptsache, ich kann meine Wut loswerden, dann geht‘s mir wieder besser? Mir vielleicht schon, aber den anderen um mich herum sicher nicht; die habe ich tief verletzt.

Was weiterbringt, statt auszubremsen
Förderlicher sind folgende Strategien: Warten, bis ich wieder klar denken kann, und dann den Konflikt in Ruhe ansprechen. Ich allein weiß um meine Meinung, meine Einstellung, meine Erwartungen. Es liegt an mir zu entscheiden, ob und wie ich sie äußere. Ich interessiere mich für und berücksichtige die Meinung anderer. Aber auch ich habe ein Recht, meine Meinung und meine Wünsche zu äußern. Es ist okay, wenn andere nicht mit mir übereinstimmen und eine andere Meinung haben. Das heißt nicht, dass meine Meinung falsch ist.

Hilfreich ist es, wenn wir so streiten, dass der Konflikt nach dem Streit auch wirklich beendet ist. Faires Miteinander-Streiten kann verbinden. Aber wie streite ich fair?

- Ich übernehme Verantwortung für das, was ich sage und tue; deshalb rede ich in der Ich- und nicht in der Du-Form. „Ich frage mich …“ „Ich empfinde das so …“

- Ich benenne eine ganz konkrete Situation und vermeide tunlichst Aussagen wie: „Immer machst du …“ „Dauernd tust du …“ Wir Frauen tendieren dazu, solche Worte einzusetzen, um die Höhe unseres Frustpegels deutlich zu machen. Männer tendieren jedoch dazu, nachzuzählen – und kommen zu dem Ergebnis, dass „immer“ nicht stimmt: „Erst letzte Woche war es anders …“. Und der Streit gerät rasch auf einen sinnlosen Nebenschauplatz …

- Fragen und rückfragen anstatt zu verurteilen. „Habe ich dich richtig verstanden …?“ „Wie hast du das gemeint?“ „Könntest du mir das näher erklären …?“ „Das ist interessant!“

- Warten, bis der andere spricht, und ihn ausreden lassen. Da Männer ihre Antwort oft innerlich erst mal vorformulieren und dann auf den Punkt bringen, ist es nur verständlich, dass sie nicht direkt losreden wie wir Frauen, die ihre Meinung oft im Verlauf des Redens finden, sondern erst nachdenken und dann reden.

- Wenn ich ehrliches Interesse am anderen und Achtung vor ihm habe, spürt er das wohltuend. Will ich nur meine Meinung kundtun, mich selbst herausstellen oder ihn zu meinem Claqueur degradieren (zu demjenigen, der mir Beifall zollt und mich beklatscht), spürt er das ebenso.

- Es ist wichtig, Wünsche klar auszusprechen. Zum Beispiel: „Es würde mir helfen, wenn ich wüsste, wann du etwa heimkommst. Dann kann ich mich eher darauf einstellen, bis wann meine eigene Kraft reichen muss.“

- Kompromisse anbieten: „Wenn du lieber zu Hause entspannst und ich lieber unter Menschen, werde ich jetzt allein zu Annas Geburtstag gehen. Würdest du mich dann nächste Woche zur Feier von Emil begleiten? Wir könnten auch spätestens gegen 22.00 Uhr wieder heimgehen.“

- Für mich selbst und für mein Gegenüber ist es hilfreich, wenn ich meine Fehler und Schwächen zugeben kann und sie nicht vertusche.

- Wenn mein Ziel ist, dem anderen das Gefühl zu geben, dass ich ihn verstehen möchte, trägt das mehr zur Lösung bei, als wenn ich durch bessere Argumente unbedingt gewinnen will.

- In einer angenehmen Lautstärke bleiben, ohne aggressive Mimik und Gestik; so lässt sich leichter und gewinnbringender reden.

Die göttliche Kläranlage

Durch einen Spaziergang, der uns an einer Kläranlage vorbeiführte, haben mein Mann und ich entdeckt, dass es im Konfliktfall hilfreich ist, wenn jeder seinen Frust über eine verfahrene Situation erst Mal vor Gott bringt und alles in dessen „Kläranlage“ wirft. Das hört sich dann etwa so an: „Wie konnte er nur?! Warum hat er nur so reagiert?!“ Oder von seiner Seite: „Wieso ist sie gleich eingeschnappt? Ich hab‘s doch einfach nur vergessen! Das heißt doch noch lang nicht, dass sie mir nicht wichtig ist!“

Das Tolle an dieser „Kläranlage“ ist, dass Gott sich das alles in aller Ruhe anhört und wir, wenn wir uns ausgeschimpft haben, ruhiger werden. Gleichzeitig bewirkt es, dass diese bitteren Worte nicht ungefiltert sofort beim anderen ankommen und ihn verletzen.

Und dann gilt es, zu hören, in mich hineinzuhorchen, was Gott mir sagen will. Vielleicht beginnt er seinen Dialog so: „Ja, du würdest jetzt gern von mir hören: ‚Armes Mäuschen, wie konnte dein Mann dir nur so etwas antun?!‘ Aber das sage ich dir nicht. Ich habe dir einen wunderbaren Mann gegeben – und du bist eine wunderbare Frau. Versetze dich doch mal in deinen Mann hinein. Könnte es sein, dass er dir gar nicht bewusst wehtun wollte, sondern seine angekündigte Hilfe schlichtweg vergessen hat? Ja, das ist nicht gerade toll, aber es muss auch nicht überhöht werden durch die Reaktion: ‚Ich bin ihm nicht mehr wichtig!‘ Hast du selbst nicht auch schon manchmal etwas vergessen?“

Boa, das stimmt“, denke ich und sage mir: „Claudia, steigere dich nicht rein! Frag erst mal nach und dann vergib einfach!“

Nach so einem Gang zur „göttlichen Kläranlage“ bin ich ruhiger, die erste Aufregung hat sich gelegt und Gott hat schon einen gewissen Perspektivenwechsel eingeleitet. Daher dresche ich nun nicht auf meinen Mann ein: „Wie konntest du nur?! Ich bin so was von enttäuscht! Ich bedeute dir also gar nichts mehr …“, sondern ich frage: „Du wolltest die Küche machen, damit ich, wenn ich müde heimkomme, nicht erst noch alles spülen muss. Was ist passiert?“ Dann kann mein Mann beispielsweise so antworten: „Das tut mir echt leid. Ich hab‘s komplett vergessen, bin mal wieder am Fernseher hängengeblieben … Setz dich und entspann dich, ich geh‘ jetzt in die Küche. Danke, dass du mir keine Vorhaltungen machst.“

Das Gleiche ließe sich idealerweise natürlich auch anders herum durchspielen …

Dieser Lösungsansatz greift nicht bei allen Konflikten, aber häufig bei den kleinen, eigentlich unbedeutenden, die aber dazu neigen, sich schrecklich aufzuplustern und wichtigzumachen.

Statt Adam-Eva-Strategie lieber Ermutigungs-Strategie
Clara und Franz wollen am Abend ins Theater. Sie bittet ihn extra noch, rechtzeitig nach Hause zu kommen, damit genügend Zeit bleibt, um sich umzuziehen und in Ruhe zum Event zu fahren. Franz kommt leider zu spät nach Hause, beide sind in Hetze – und zu allem Überfluss hängt, als sie endlich startklar sind, der Autoschlüssel nicht am Brett. Nach der unheilschwangeren Frage: „Wo ist der Autoschlüssel?“ die übliche Reaktion a la Adam und Eva: gegenseitiges Beschuldigen. „Die Frau hat mir die verbotene Frucht gegeben“, sagt Adam zu Gott. Und Eva argumentiert: „Die Schlange hat mich verführt!“ Die Strategie dahinter: ablenken von sich und die Schuld auf den anderen häufen. Auf die Situation mit dem fehlenden Autoschlüssel übertragen: „Du hast ihn doch zuletzt gehabt!“ „Nein, ich habe ihn ans Brett gehängt!“ Je nachdem kommen dann zur Untermauerung der eigenen vermeintlichen Schuldlosigkeit noch verletzende Sätze dazu: „Typisch! Wie dein Vater, der verlegt ja auch immer alles!“ „Ja, ja, schimpf du nur über meinen Vater. Deine Mutter war doch auch nicht besser, genau so ‘ne Xanthippe, wie du gerade bist!“ – Nach so einem Schlagabtausch hat keiner von beiden mehr Lust, ins Theater zu gehen, lieber verkriecht sich jeder, um seine Wunden zu lecken.

Bedeutend weiter führt im Vergleich dazu die Ermutigungs-Strategie: „O wei, bei der wenigen Zeit jetzt noch eine Suchaktion starten, das hört sich knapp an!“ „Ja, aber du hast doch so ein feines Schnuppernäschen, das uns schon manches Mal vor dem Ruin gerettet hat. Vielleicht klappt‘s heute ja auch. Überlegen wir doch mal: Könnte der Schlüssel im Esszimmer, im Wohnzimmer oder im Bad liegen? Oder vielleicht sogar noch im Auto? Wer schaut schnell wo nach?“

Dieser fiktive Dialog hört sich an, als ob die beiden nachher trotz allem noch gerne ins Theater gingen – oder, falls alle Stricke reißen und der Schlüssel tatsächlich nicht mehr auftaucht, mit Humor einen gemütlichen Abend zu Hause verbringen.

In SEINER Kraft
Konflikte nicht als Albträume, sondern als Wachstumschance sehen. Ich wünsche Ihnen gute Ideen in diese Richtung, viel Mut und die Gabe der Unterscheidung: Welchen Konflikt spreche ich wann und wie an? Es lohnt sich, locker zu bleiben, denn: Der Heilige Geist geht ja gerne begleitend und ratend mit ins Geschehen hinein. ER kann Knoten lockern oder lösen und tut nichts lieber, als einen frischen Windhauch zu schicken – mitten hinein in verwirrende Situationen, damit Kopf und Herz wieder frei durchatmen können.

In: BEGEGNUNG – Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 1/2019

www.zeitschrift-begegnung.de




 

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