Foto: pixabay.com

Die fünf Elemente der spirituellen Bewegung

12.08.2025

Durch unseren Körper haben wir Zugang zu geistlichen Sphären. Paulus drückt dieses Wissen im Korintherbrief so aus: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“ (1 Kor 6, 19). Da ist es nicht verwunderlich, dass viele Elemente des geistlichen Lebens auch für den Sport unerlässlich sind. Eine Synthese anhand der fünf Elemente:

Haltung – Erde
Wer je versucht hat, eine Kniebeuge mit gekrümmtem Rücken auszuführen, weiß: Haltung ist kein Ästhetik-Detail, sondern physikalische Notwendigkeit beim Sport. Ob beim Krafttraining oder beim Tanz – ohne eine stabile Haltung kollabiert die Übung oder die Choreografie in sich selbst. Spirituell wird die Haltung zu einer Metapher der inneren Überzeugung und der Entscheidung. Das eigene Adsum – das „Hier bin ich“ – muss im Sport wie im Glauben immer wieder gesprochen und körperlich praktiziert werden, auch angesichts innerer Stürme oder Dürreperioden. Wie ein Baum, der Wind und Trockenheit trotzt, weil seine Wurzeln tief genug reichen, erfordert geistiges Wachstum zuerst Verwurzelung. Das Paradox: Nur wer sich erdet, kann in die Höhe streben. Diese Erdung, Neudeutsch „grounding“ genannt, wird zu Fundament und Voraussetzung für die weitere Bewegung. Durch eine stabile Körperhaltung beim Sport kann Erdung entstehen. Erdung wiederum ermöglicht und begünstigt Aktivität – auch im Glauben!

Kraft – Feuer
Der explosive Abdruck einer Sprinterin aus den Startblöcken oder der hämmernde Cross eines Boxers: Körperliche Kraft kann einer Explosion gleichkommen. Denn Kraft ist nicht brutale Masse, sondern gebündelte Energie, die sich zielgerichtet entlädt. Spirituell jedoch wird Kraft zur Währung der Wandlung. Um Widerstände zu durchschlagen – nicht nur im Muskel, sondern auch im Geist. Sowohl beim Sport als auch im geistlichen Leben braucht es Kraft, um dem jeweiligen Vorgang eine Richtung zu geben und um Grenzen zu überwinden. Ein Gewichtheber, der die Hantel stemmt, kämpft nicht nur gegen physikalische Schwerkraft – er trainiert auch seinen Willen zur Überwindung. Die Kraft, gegen Trägheit anzukämpfen, braucht es im Sport wie auch in der geistlichen Praxis. Im Sport ist es die Trägheit des Körpers, im Glauben Trägheit des Geistes oder des Herzens. Die Lösung liegt im selben Prinzip: der Energie eine Richtung zu geben. Dann tut die Sprinterin, die sich aus den Blöcken katapultiert, nichts anderes als der Beter, der sich im Geist fokussiert: beide bündeln Energie, um eine Schwelle zu durchbrechen.

Ausdauer – Luft
Der Marathonläufer, der Kilometer um Kilometer in den Rhythmus seiner Schritte versinkt. Die Bergsteigerin, deren Muskeln brennen, während ihr Blick unverrückt auf dem Gipfel ruht. Das sind nicht nur sportliche Leistungen – das können Meditationen in Bewegung sein. Denn Ausdauer ist mehr als körperliche Beharrlichkeit. Sie ist die Kunst, Zeit zu überlisten, indem man den Augenblick dehnt, bis er zum Raum wird, in dem Körper und Geist verschmelzen.

Körperlich ist Ausdauer eine Frage der Physiologie – der Lunge, die sich weitet, des Herzens, das sich anpasst, der Muskeln, die lernen, effizienter mit Sauerstoff zu haushalten. Doch wer jemals die magische Schwelle des „Runner’s High“ erlebt hat, weiß: Irgendwann kippt die Anstrengung in eine Art Flow.

Spirituell wird Ausdauer zur Schule der Stille, einer Schule der Treue und Beharrlichkeit. Auch im „Durchhalten“ in der spirituellen Praxis kann sich irgendwann jene innere Ruhe einstellen, die nicht im Nichtstun, sondern in der beharrlichen Rückkehr zum Wesentlichen besteht. Im Zen-Buddhismus gibt es das Konzept des „sitzenden Ausharrens“, bei dem der Übende lernt, Gedanken wie Wolken vorbeiziehen zu lassen. Derselbe Mechanismus wirkt beim Ausdauersport: Die monotone Wiederholung der Bewegungen wird zum metronomischen Anker, der den Geist befreit.

Ausdauersport trainiert nicht nur die Muskeln – er formt im Gehirn jenes feine Netzwerk, das über Stress oder Gelassenheit entscheidet. Wer regelmäßig läuft oder radelt, bringt diesem System bei, die Herausforderungen einer Langstrecke nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung zu interpretieren. Die Brücke dafür ist der Atem. Im Yoga ist das bewusste Atmen die Grundlage aller Praxis. Die Überzeugung ist: Wer den Atem lenkt, lenkt auch den Geist. Ausdauersport kann erfahrbar machen, dass wahre Stärke nicht nur im punktuellen Durchpowern, sondern im Durchhalten liegt. Der Mönch, der stundenlang Psalmen singt und der Radfahrer, der gegen den Wind kämpft, praktizieren im Grunde dasselbe: Sie verwandeln Widerstand in Rhythmus und Anstrengung in Hingabe.

Flexibilität – Wasser
Körperlich ist Flexibilität ein Gespräch zwischen Spannung, Dehnung und Loslassen. Besonders notwendig ist sie beim Yoga, beim Ballett oder im Turnen. Doch auch scheinbar steife Sportarten wie Krafttraining oder Laufen profitieren davon: Ohne regelmäßiges Flexibilitätstraining verkürzen Muskeln und Sehnen, der Bewegungsradius schrumpft und die Leistungsfähigkeit nimmt ab.

Spirituell wird diese körperliche Erfahrung zur Metapher für geistige und seelische Beweglichkeit. Auch ein (geistlicher) Umgang mit schwierigen Alltagssituationen fordert oftmals ein hohes Maß an Flexibilität: Wenn etwas ganz anders ist, als wir es uns gewünscht hatten. Wenn ein plötzliches, unerwartetes Hindernis unsere Pläne durchkreuzt und wir nicht mehr auf gewohntem Weg weiterkommen. Dann gilt es, wie ein Fluss gekonnt das Hindernis zu umfließen und sich einen anderen Weg zu suchen – ohne den Kurs zu verlieren.

Psychologisch könnte man so eine flexible Herangehensweise als Resilienz deuten. Im Sport, im Alltag und im Geistlichen zeigt sich Resilienz oft in der Fähigkeit zur Anpassung: Der Läufer passt seinen Schritt an unwegsames Gelände an; die Beterin passt ihre inneren Bewegungen an unerwartete Wendungen des Lebens an. Dabei bedeutet Flexibilität nicht Schwäche oder Beliebigkeit. Sie meint auch nicht, ein Fähnchen im Wind zu sein, sondern die Kunst, Veränderungen zuzulassen, ohne den inneren Kompass zu verlieren. In der Resilienzforschung ist ein wichtiger Grundsatz, dass der Flexibelste das System beherrscht, weil er nicht starr gegen Widerstand kämpft, sondern ihn geschickt und beweglich zu nutzen weiß.

Balance – Äther
In alten Traditionen ist Äther das fünfte Element, das jenseits der greifbaren vier (Erde, Wasser, Feuer, Luft) existiert. Er steht für das Unsichtbare, Allumfassende. In der Physik galt Äther einst als hypothetisches Medium für (Licht-)Wellen. Spirituell gedeutet ist er die Verbindung zwischen Materie und Geist und steht für den Raum, der alles umfasst und verbindet – nicht als Leere, sondern als Fülle. Mystisch gedeutet, könnte er für die göttliche Präsenz stehen, die alles Leben durchströmt. Teresa von Ávila greift ihn in ihrer „Wohnung der inneren Burg“ sinnbildlich auf als den Ort, an dem die Seele mit dem Unendlichen kommuniziert. Er ist ein Raum von aktiver Vermittlung: Wie der Äther metaphorisch zwischen Himmel und Erde schwingt, so verbindet er im übertragenen Sinn das Körperliche mit dem Transzendenten.

Körperlich manifestiert sich dieses Prinzip in Sportarten, die höchste Balance verlangen: Beim Surfen versinnbildlicht der Äther die Balance zwischen Schwerkraft und Auftrieb – der Wellenreiter findet Halt im Fließenden, als würde er selbst den Raum unter seinem Brett bändigen. Beim Slacklining ist er die stille Konversation zwischen Muskelspannung und Loslassen: Der Körper muss die Instabilität des Bandes annehmen und ausgleichen, um sie zu überwinden. Im Ballett könnte Äther die choreografierte Schwerelosigkeit darstellen – jede Pirouette ein Akt der Zentrierung, der die Tänzerin zugleich erdet und in den Raum emporhebt.

Im Sport trainiert Balance nicht nur Körperwahrnehmung, sondern auch die Fähigkeit, sich trotz wackeligem Untergrund zu zentrieren und standhaft zu bleiben – ob auf dem Surfbrett oder im Kopfstand. In der Spiritualität ist Balance die Kunst, zwischen Aktivität und Hingabe zu wechseln – wie in der biblischen Überlieferung von Maria und Martha.

Die Metapher des Äthers erinnert uns: Balance ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamisches Gleichgewicht – wie ein Tänzer, der stürzt, nur um sich neu zu fangen und wieder aufzurichten.

Magdalena Kiess

Quelle: Familienmagazin „WIR, Gott und die Welt“
www.wir-familienmagazin.de
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion
Alle Rechte bei der Autorin


 

© 2026 Klaus Glas | Impressum | Datenschutzhinweise