Schöner, smarter und gesünder

Klaus Glas,

Zwischen Selbstoptimierung und Selbstzweifel

 

Hanna (23 J.) findet, dass sie ein paar Kilo zu viel hat. Dabei fährt die Studentin schon zweimal die Woche in ein Fitness-Studio und geht dreimal die Woche laufen. Seit Neuestem trägt sie Tag und Nacht einen Fitness-Tracker um ihr schmales Handgelenk. Auf einer dazugehörigen Smartphone-App kann sie ablesen, wie hoch ihr aktueller Ruhepuls ist, welche Route sie gelaufen ist und wie hoch ihre Pace ist. Die Pace - SelbstoptimierInnen wissen das - ist die Geschwindigkeit beim Laufen. Wenn Hanna einen guten Tag hat, postet sie auf „Facebook“ Bilder von sich: in schicker Sportkleidung und bunten Asics-Laufschuhen. Sie freut sich, wenn andere beim Anblick ihrer Fotos den Facebook-Like-Button drücken. Dass sie heute - nach einer Feier mit reichlich Alkohol - mit Pickeln im Gesicht aufwachte und die digitale Schlafanalyse erbrachte, dass sie kaum Tiefschlafphasen hatte, wird man dagegen in keinem sozialen Netzwerk erfahren...

Schöner, smarter und gesünder

Schneller, höher, weiter!“ Das bekannte Motto der Olympischen Spiele wurde 1894 ausgelobt. Ausgerechnet einem Mann der Kirche, dem Dominikater-Pater Henri Didon, kam der lateinische Spruch in den Sinn: Citius, altius, fortius. 130 Jahre später orientieren sich Millionen Menschen an einer ähnlichen Formel: „Schöner, smarter, gesünder!“ Wirklich neu ist, dass man mittlerweile messen kann, wie weit man seinem selbst gesetzten Gesundheits-Ideal bereits nahe gekommen ist. Die geschieht durch „Lifelogging“: unterschiedliche Aspekte des Lebens werden Rund um die Uhr durch Activity Tracker aufgezeichnet. Smarte Fitness-Armbänder erfassen die Schrittzahl und die Herzschlagfrequenz, den Energieumsatz und die Schlafqualität, die Streckenlänge und das Lauftempo. Einige Geräte können sogar die Körpertemperatur messen – ganz praktisch in den Zeiten von Corona.

Werden SelbstoptimiererInnen gefragt, warum sie derart extensiv ihr Leben vermessen, bekommt man zur Antwort, man habe jederzeit alle Parameter im Blick. Tatsächlich sehen die Gesundheitsapostel anhand einer Fitness-App ihre Fortschritte und fühlen sich kurzzeitig besser. Sport und gesunde Ernährung passten schon immer gut zusammen. So wundert es nicht, dass Hanna seit einigen Wochen etwas mit „Monsieur Cuisine“ hat: die Küchenmaschine eines bekannten Discounters hat es ihr angetan. Auf einem bunten Touchscreen-Display kann sie über WLAN leckere Fitness-Rezepte finden und sich körperbewusst ernähren: Low Carb, vegan, laktosefrei. Wie für Studierende gemacht ist das Brainfood, das Hanna neuerdings in einer Keimsprossenbox heranzieht. Am Abend schwört sie auf ein selbst gemixtes Getränk aus Ingwer, Zitrone und Chia-Samen: „Das reguliert die Darmflora, und ich kann leichter abnehmen,“ ist Hanna überzeugt.

Risiken und Nebenwirkungen

Aber ist im Bereich der Selbstoptimierung wirklich alles Gold, was glänzt? Mitnichten!
Schauen wir auf die Sprossen, die auf der Fensterbank mancher Studierenden-WG keimen. In den letzten Jahren standen Sprossen wiederholt im Mittelpunkt von Krankheitsausbrüchen. So kam es 2011 im norddeutschen Raum zu teilweise tödlich verlaufenen Infektionen mit Vero-Toxin; dieses Gift wird von Darmbakterien gebildet. Die Übertragung der Bakterien erfolgt hauptsächlich über den Verzehr von rohem Rindfleisch Rohmilch, Spinat und Sprossen.

Nicht immer muss es so schlimm kommen. Oft tritt einfach nur der erhoffte Effekt nicht ein. So wird behauptet, Menschen die regelmäßig Sport treiben, würden gesunder und länger leben. Es stimmt: Sport verbessert das Überleben nach einem Herzinfarkt. Aber in den ersten Monaten nach Beginn der sportlichen Aktivität kommt es zu vermehrten Todesfällen, unter anderem durch plötzlichen Herztod. Eine Studie kam zu der Schätzung, dass man 1,3 Millionen Menschenleben retten könne, wenn man fünfmal pro Woche 30 Minuten Sport treiben würde. Allerdings arbeitet diese Untersuchung mit hochgerechnetem Zahlenmaterial. Wenn man sich die Zahlen genauer anschaut, kommt heraus, dass ein Mensch, der über Jahrzehnte sportlich tätig ist, am Ende nur etwa 5 Monate länger lebt. Peter Nawroth, Professor an der Uni-Klinik Heidelberg, sagt dazu: „Diese Studie ist ein typisches Beispiel, wie über den Kopf von Tausenden hinweg ein minimaler, vielleicht tatsächlich vorhandener Effekt hochgerechnet wird und dann zur Staatsräson erklärt wird, denn selbst Politiker meinen manchmal, Sport empfehlen zu müssen, vor allem im Wahlkampf.“ Der Mediziner geht in seinem Buch „Die Gesundheitsdiktatur“ hart mit der Kultur der Selbstoptimierung ins Gericht.

 

Für den Kinder- und Jugendpsychiater Gerd Lehmkuhl liegt die Selbstoptimierung „im gesellschaftlichen Trend einer Upgrade-Kultur“. Er problematisiert die persönlichen und gesellschaftlichen Folgen von Enhancement-Praktiken. Deswegen plädiert er dafür, Eltern und Jugendliche sowie ÄrztInnen und PsychologInnen über Risiken und Nebenwirkungen von medizinisch nicht indizierten Maßnahmen zur Verbesserung der Befindlichkeit aufzuklären.

Schatzkammer der Seele

Einen neuen Weg zur Entfaltung der Persönlichkeit hat P. Josef Kentenich entdeckt. Der Pädagoge hatte aufgrund einer persönlichen Krise in der Jugendzeit die Erfahrung gemacht, dass jede und jeder über eine persönliche Schatzkammer in seiner Seele verfügt. Darin seien die von Gott in den Menschen hineingelegten Talente zu finden, mit deren Hilfe er seinen originären Auftrag in der Welt erfüllen könne. Wie im biblischen „Gleichnis von den anvertrauten Talenten“ (Mt, 25,14 – 30) kann man mit diesen Talenten arbeiten und sie in Charakterstärken ummünzen. Charakterstärken sind Persönlichkeitseigenschaften, die einem ein positives Lebensgefühl vermitteln und zugleich zum Lebensglück der Mitmenschen beitragen. Die von Martin Seligman begründete „Positive Psychologie“ hat 24 spezifische Charakterstärken beschrieben. Interessierten LeserInnen sei das Buch „Charakterstärken“ (Hogrefe Verlag) des US-amerikanischen Psychologen Ryan M. Niemiec empfohlen. Wer einen Einblick in die Schatzkammer seiner Seele wagen will, kann auf einer Webseite der Uni Zürich zugreifen (www.charakterstärken.ch). Die Schweizer Persönlichkeits-PsychologInnen bieten sowohl einen Charakterstärken-Test als auch ein kostenloses Trainingsprogramm an.

P. Josef Kentenich hat seinen MitarbeiterInnen v.a. die Entfaltung der folgenden Charakterstärken empfohlen: Bindungsfähigkeit, Freundlichkeit, Selbstregulation, Tapferkeit, Hoffnung, Aufgeschlossenheit, Dankbarkeit und Spiritualität. Stärken kann man miteinander verbinden. Verbindet man beispielsweise „Aufgeschlossenheit“, „Spiritualität“ und „Kreativität“, kommt man womöglich zu der Überzeugung, dass es gut sei, die Zeichen der Zeit im Licht des Glaubens zu deuten und ein entsprechendes Projekt zu entwickeln. Vor einigen Jahren wurde von Hubertus Brantzen die Webseite
www.spurensuche.de verwirklicht. Der Pastoraltheologe münzte damit die Konzepte „Vorsehungsglaube“ und „Zeitenstimmen“ in ein konkretes Projekt um, an dem mittlerweile eine Vielzahl von AutorInnen mitwirkt.

Josef Kentenich würde die übertriebene Selbst-Optimierung kritisieren, aber die Selbst-Gestaltung im Dienste des Nächsten loben. Bei der Umsetzung verwies er einst auf die Charakterstärke der „Ausdauer“: „Gehen lernt man durch gehen, lieben durch lieben. So müssen wir auch lernen, uns selbst zu erziehen durch ständige Übung.“

 


 

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