13.08.2025
Vom Zusammenhang zwischen Sport und Spiritualität
Die Yogastudios sind voll, die Laufstrecken belebt und selbst in den kalten Monaten quälen sich immer mehr Menschen in eiskaltes Wasser. Auf Social Media kann man dann von ihren Erfahrungen lesen: Ausgleich, Erdung, ein ruhiger Geist, Bei-sich-Sein, Entspannung, Abschalten, mehr Fitness und Konzentration …
Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen dem, was unser Körper tut und unserem Inneren. Jeder, der schon einmal versucht hat, sich mit verschränkten Armen, hängenden Schultern, zusammengekniffenen Augenbrauen und nach unten gezogenen Mundwinkeln so richtig zu freuen, wird die Erfahrung gemacht haben: Das klappt nicht. Unsere Körperhaltung hat eine direkte Auswirkung auf unser Inneres – und umgekehrt.
Auch unsere Gedanken können schnell und direkt körperliche Reaktionen herbeiführen. Der einfachste Beweis dafür ist der Zitronen-Test. Wenn Sie sich jetzt vorstellen, wie Sie in eine Zitrone beißen, wie der saure Saft Ihnen in den Mund fließt und über Zunge, Lippen und Hände läuft, wenn Sie an den intensiven Zitrusgeschmack denken, garantiere ich Ihnen, dass Ihre Speicheldrüsen unter der Zunge aktiv werden und sich – nur durch die Kraft Ihrer Gedanken – darauf gefasst machen.
Körper und Geist gehören zusammen
Dass Körper und Geist in enger Verbindung stehen, ist keine neue Entdeckung. Das Wissen darum war lediglich in Vergessenheit geraten oder wurde als irrelevant abgetan. Zuletzt erfährt die Vorstellung, dass Leib und Seele zusammengehören, eine unaufhaltsame Renaissance. Die moderne Forschung kann sich dazu aus einem breiten Spektrum von Theorien und Quellen bedienen: von der Antike bis zur Moderne, von fernöstlicher Spiritualität über Esoterik bis hin zu christlicher Tradition. Bereits in der Antike betonte etwa Aristoteles die Bedeutung der Leib-Seele-Einheit. Wie genau sich diese Wechselwirkung gestaltet, wird heute naturwissenschaftlich erforscht. Daneben lohnt sich ein Blick in die Geschichte der Spiritualität, wo körperliche Praktiken seit jeher eine zentrale Rolle für die geistliche Praxis spielen.
Körpereinsatz als geistliche Disziplin
Im 4. Jahrhundert zogen sich Christen wie Antonius der Große oder Synkletika von Alexandria in die Einsamkeit der Wüste zurück, um Gott zu suchen und zu finden. Sie lebten ein asketisches Leben und erfuhren, dass körperliche Ausrichtung und innere Hingabe untrennbar miteinander verbunden sind. Sie orientierten sich dabei am biblisch überlieferten Lebensstil von Johannes dem Täufer und der 40-tägigen Fastenzeit Jesu in der Wüste.
Ihre Praxis war radikal: Stundenlanges Stehen im Gebet, Fasten bis zur Erschöpfung, harte körperliche Arbeit. Zu Recht hat man sich heute von solchen Kasteiungen und der damit assoziierten Leibfeindlichkeit distanziert. Hinter der strengen Askese der Wüstenmütter und -väter verbarg sich jedoch die leise Ahnung, dass sich über körperliche Seinszustände der Geist verändert; dass auch durch körperliche Erfahrungen Gott erfahrbar wird. Sie fasteten nicht, um ihrem Körper zu entfliehen, sondern um ihn als Instrument der Gotteserfahrung zu nutzen. Die moderne Forschung bestätigt: Bewusste und freiwillige Selbstkontrolle sowie körperliches Training und Atemübungen können den präfrontalen Cortex aktivieren – jene Hirnregion, die auch für spirituelle Transzendenzerfahrungen zuständig ist.
Ohne es zu wissen, haben sich die Wüstenmütter und -väter der frühen Kirche diese Zusammenhänge für ihre spirituelle Praxis zu Nutze gemacht: In ihrer Tradition entstand beispielsweise das berühmte Jesus-Gebet, das den einfachen Einzeiler „Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“ fortlaufend wiederholt und mit dem Atem koordiniert. Dies kann zu innerer Ruhe und geistiger Fokussierung, bis hin zu einem meditativen Status führen. Ähnliches kann man beim Rosenkranzbeten erleben oder bei den repetitiven Gesängen aus Taizé. Andere spirituelle Richtungen haben ähnliche Traditionen, wie etwa das Singen von Mantren in fernöstlichen Strömungen.
Körperhaltungen bei religiösen Riten
Nicht nur Atmung und Gesang sind seit langem in religiöser Gebetspraxis verankert. Auch Körperhaltungen und choreografierte Bewegungsabläufe sind fester Teil religiöser Riten. Den katholischen Gottesdienst erleben wir normalerweise im Sitzen, Stehen und Knien – je nach Bedeutung des liturgischen Geschehens. Dazu sind uns mehrere Handhaltungen im Gottesdienst vertraut, etwa die Orantenhaltung: Stehend mit ausgebreiteten Armen. Der Priester nimmt sie zum Beispiel beim Vaterunser ein. Sie ist körperlicher Ausdruck für den Kern des christlichen Glaubens: die Hingabe Christi am Kreuz (ausgebreitete Arme) und die Auferstehung (stehend). In der frühen Kirche war sie gängige Gebetshaltung aller Gläubigen und symbolisiert die Ausrichtung auf Gott hin. Viele Christen beten heute so das Vaterunser, um ihre Empfangsbereitschaft (geöffnete Hände) Gott gegenüber und die Verbindung zu allen Christen zum Ausdruck zu bringen.
An Karfreitag begegnet uns eine andere, seltenere Gebetshaltung: Die Prostration. Das Niederwerfen des Priesters zu Beginn des Gottesdienstes drückt die völlige Hingabe an Gott und die Anteilnahme am Leiden Christi aus. Diese Gebetshaltung gibt es sonst liturgisch nur noch bei der Priesterweihe.
Auch andere Religionen „beten“ mit dem Körper
Im Sufismus soll beim Derwischtanz ein spirituell-extatischer Zustand erreicht werden, um Gott besonders nahezukommen. Dabei ist die rechte Hand zum Himmel geöffnet (Empfang göttlicher Energie), die linke Hand ist nach unten gerichtet (Kontakt zur Welt). Der Derwisch dreht sich gegen den Uhrzeigersinn (symbolisch für die Planetenbewegung) immer schneller um die eigene Achse und wird dabei von traditionellen Instrumenten begleitet.
Im Judentum ist das rhythmische Bewegen des Oberkörpers beim Gebet – das sogenannte „Schockeln“ – tief verwurzelte Tradition. Es könnte aus der Zeit stammen, als mehrere Personen sich über eine einzige Torarolle beugen mussten, um gemeinsam zu lesen. Das Schockeln wird als Ausdruck dafür gedeutet, dass der ganze Körper am Gebet teilnimmt. Funktionell hilft die Bewegung dabei, die Konzentration zu steigern und den Geist wachzuhalten. Mystisch betrachtet symbolisiert es die „Flamme der Seele“, die sich nach Gott ausstreckt.
Die wohl bekannteste Gebetspraxis mit dem Körper ist Yoga. Yoga wird – gerade im Westen – oft als rein körperliche Praxis verkürzt wahrgenommen. Seine Wurzeln liegen jedoch tief in der fernöstlichen Spiritualität. Ursprünglich ist Yoga eine Methode, um den Geist durch den Körper auf das Göttliche hin auszurichten. Die Asanas (Körperhaltungen) sind dabei nicht Selbstzweck, sondern dienen dazu, den Körper zu stärken und zu beruhigen, damit der Geist sich konzentrieren kann. In Kombination mit Atemtechniken (Pranayama) und Meditation (Dhyana) wird Yoga zu einer Form des Gebets – einer Verbindung von Körper und Seele mit dem Göttlichen.
Magdalena Kiess
Quelle: Familienmagazin „WIR, Gott und die Welt“
www.wir-familienmagazin.de
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