Foto: K. Glas

"Es ist nirgends schöner als daheim"

Klaus Glas,

 


Wenn unsere jugendlichen Töchter nach einem anstrengenden Wochenende wieder zuhause einliefen, sagten sie manchmal: „Es ist nirgends schöner als daheim.“ Sie zitierten dabei Dorothy (Judy Garland) aus dem Musicalfilm „Der Zauberer von Oz“ (USA, 1939). Das Mädchen fühlt sich in dem zauberhaften Land wohl, will aber am Ende doch lieber nach Hause zurückkehren. So schlägt sie dreimal die Hacken ihrer roten Lackschuhe zusammen und denkt dabei ganz doll an den bekannt gewordenen Spruch: „Es ist nirgends schöner als daheim“ - und findet sich just in ihrem Bett wieder.

Wenn ich meine Heimat mit dem Auto besuche, sehe ich zuerst die dunkelgrünen Hügel des Pfälzerwaldes. Dann muss ich unwillkürlich lächeln: Bald bin ich in jener Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Zuletzt biege ich in die Straße ein, in der mein Elternhaus steht. Keine 50 Meter entfernt steht die Pfarrkirche, in der ich Messdiener war. Sobald meine Mutter die Haustür öffnet, ist die Wiedersehensfreude groß. Oft sind zeitgleich meine Geschwister, die nahebei wohnen, zu Besuch da. Ich verfalle unwillkürlich in den vertrauten Dialekt.

Wo ist Heimat? Was ist Heimat?
Fragt mich einer, woher ich komme, unterscheide ich zwischen Heimat- und Wohnort. Meine Heimat sei die Pfalz, mein Wohnort liege in Osthessen. Was fällt mir zum Stichwort „Heimat“ ein? Gesichter von lieben Menschen, die herzliche Art, auf andere zuzugehen und „Weck, Worscht un Woi“. Auch verbinde ich mit der alten Heimat schöne und spannende Erlebnisse mit der Schönstatt-Mannesjugend. In dieser Jugendgemeinschaft habe ich gelernt, zu musizieren und zu singen, Theater zu spielen und Texte zu schreiben. Mit einigen von damals bin ich seit fast 50 Jahren verbunden - in Freundschaft und durch Projekte. Man(n) versteht sich.

Beate Mitzscherlich, Psychologin von der Hochschule Zwickau, konnte in eigenen Untersuchungen drei Bedeutungen von Heimat ausmachen. Etwa ein Drittel der von ihr Befragten verbindet mit dem Begriff den Geburts- oder Herkunftsort. Diese Sichtweise entspricht der ursprünglichen Bedeutung; im 18. Jahrhundert war Heimat ein Stück Land: bearbeitbarer Grund und Boden. Ein weiteres Drittel versteht unter Heimat die aktuelle Lebenssituation: die eigenen vier Wände, die Freunde und der Arbeitsplatz, der einem Sicherheit gibt. Schließlich gibt es eine ideelle Ebene, die mit dem emotional geladenen Begriff Sehnsüchte assoziiert. Heimat in diesem Sinn ist die Hoffnung, auch in einer beschleunigten Welt noch Resonanzerfahrungen machen zu können. Heimatgefühle kämen demzufolge mit Menschen an jenen Orten auf, „wo ich verstehe und wo ich verstanden werde“ (Karl Jaspers).

Beheimatung finden
Pater Josef Kentenich sagte in den 1950er Jahren: „Das Heimatproblem dürfte ... letzten Endes das Kulturproblem der heutigen Zeit sein. Deswegen ist Heimatlosigkeit das Kernstück der heutigen Kulturkrise.“ Wo oder bei wem können wir Heimat finden? Der prophetische Seelsorger war überzeugt, letzte Geborgenheit könne der Mensch nur in Gott finden. Wir sollten uns deswegen auf eine fortwährende „Spurensuche“ nach dem „Gott des Lebens“ machen. Insofern geht es weniger um Sonntagsheiligung als um Montagsheiligkeit, weniger um Gottesdienst im Gotteshaus als um persönliche Gottesbegegnungen in Alltag, Arbeit und Routine.

Um ein „göttliches Heimatgefühl“ zu erleben, muss fraglos viel geübt werden. Von nichts kommt nichts. Das gilt in vielen Bereichen des Lebens. Der Hirnforscher Manfred Spitzer weist darauf hin, „dass ein wirklich guter Musiker bis zum etwa 20. Lebensjahr mindestens 10.000 Stunden mit seinem Instrument zugebracht hat.“ Eine ebenso einfache wie effektive Möglichkeit, Beheimatung einzuüben besteht darin, sich am Abend zu fragen: Für welche drei Begegnungen und Erfahrungen kann ich Gott heute Danke sagen? Pater Josef Kentenich hat aufgrund seiner jahrelangen Gottes-Menschen-Begegnungen im Konzentrationslager Dachau beten können: „So sind wir über alle Welt ins Göttliche hineingestellt, sind mehr in deinen Augen wert als ohne uns die ganze Erd`“

Beheimatung meint den immerwährenden Prozess des Sich-Verbindens mit Menschen, Orten und Ideen. Dieser Dreiklang wurde von Pater Josef Kentenich beschrieben. Wo finden wir Gott? Vor allem in den Herzen der Menschen, denen wir begegnen. Wie kann ich in Gott Beheimatung finden? Durch persönliche Begegnungen und gemeinsame Projekte, bei denen ich mit Achtsamkeit bedenke: Jetzt, in diesem Moment, ist Gott da.

Als ich das letzte Mal meine Heimat besuchte, geschah dies anlässlich eines Festes. 50 Jahren zuvor war die Schönstatt-Kapelle der „Marienpfalz“ in Herxheim eingeweiht worden. In der Feier der Eucharistie, in den Gesprächen mit Freunden und Bekannten, bei der Mahlzeit und beim gemeinsamen Musizieren und Singen konnte ich erleben: wir sind im Himmel daheim und auf der Erde zuhause.

 


 

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