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Bühne frei für die Leisen

Claudia Brehm,


Wenn introvertierte Menschen zum Zug kommen

Unsere Welt ist voller Lärm, Unruhe, Aktion. Aber zu bestimmten Tages- bzw. Nachtzeiten herrscht Stille vor, Ruhe, Einsamkeit. Wir brauchen beides. Unsere Gesellschaft wird weithin von extrovertierten Menschen bestimmt, von denjenigen, die laut artikulieren, wo es langgeht, die diskutieren, vorwärtsdrängen, „Hans Dampf“ in allen Gassen sind und sich erholen in der Aktion, im Umtrieb eines Treffens, im Zusammensein mit vielen Menschen.

Doch da gibt es gleichzeitig die große Gruppe introvertierter Menschen. Sie wirken stiller, in sich gekehrt, sie sind nicht diejenigen, die mit ihren Meinungen hausieren gehen. Sie hören erst mal zu, bevor sie reden, sie machen sich viele Gedanken, aber eher leise und für sich, nicht laut und mitteilsam nach außen wie die Extrovertierten. Sie erholen sich nicht im Getümmel eines Festes, im Gegenteil, das stresst sie eher. Sie erholen sich in der Natur, beim Lesen, beim Musik-Hören, beim Nachdenken oder Schreiben.

 

Anders – gleich viel wert

Beide Menschentypen sind gleichwertig, aber andersartig. In unserer lauten Welt haben die Extrovertierten ihren Platz und erfahren in der Regel Wertschätzung; die Introvertierten dagegen kommen eher zu kurz. Das geht manchmal schon in der Grundschule los: „Leider ist Ihr Kind so ruhig“, erfahren da die Eltern von der Lehrerin. „Würde es mehr aufzeigen, könnte ich ihm die Zwei in Mathe geben, so wird es leider nur eine Drei.“

Neulich erzählte mir eine 52-jährige Frau: „Mein ganzes Leben hindurch habe ich gemeint, mit mir würde etwas nicht stimmen, ich wäre weniger wert als die anderen. Immer wieder wurde mir signalisiert, ich sei zu ruhig, würde zu wenig an Festen teilnehmen, bräuchte so viel Zeit für mich, bräuchte lange, bis ich mit meiner Meinung herausrücke usw. Es war klar: Irgendetwas war an mir, an dem andere sich stießen. Doch hier, bei dieser Wochenend-Tagung, habe ich zum ersten Mal das Gefühl, nicht falsch zu ticken, dazuzugehören, in Ordnung zu sein. So langsam wird mir klar: Ich bin im Alltag einfach nur von extrovertierten Menschen umgeben, sowohl in meiner Familie als auch im Beruf. Und weil sie in der Mehrzahl sind, meinte ich und meinten sie, an mir wäre etwas komisch. Nein, unsere Arten sind einfach verschieden – aber gleich viel wert. Und ich bin sicher: Ohne uns Introvertierte wäre die Welt um vieles ärmer!“

U-Boot versus Schiff

Für introvertierte Menschen ist es enorm hilfreich, um ihre Auftank-Orte und Regenerationsnischen zu wissen, um die Räume und Tätigkeiten, die ihr Ruhebedürfnis stillen und sie ins Gleichgewicht zurückbringen. Was ist es bei Ihnen? Das Schreiben, das „Gärteln“, das Backen, das Tag-Träumen, das Beten …? Es muss nichts Produktives sein, nur etwas Ruhiges, wo nebenher die Gedanken laufen können und „abgetaucht“ werden kann.

Debora Sommer, die nicht müde wird, das Thema Introvertiertheit bei Frühstückstreffen und in diversen Veröffentlichungen zu beleuchten, bringt den Unterschied zwischen extrovertierten und introvertierten Menschen in ein interessantes Bild: Schiffe und U-Boote. Sie ahnen es schon: Die Schiffe stehen für extrovertierte, die U-Boote für introvertierte Typen.

Schiffe bewegen sich gut sichtbar bei Tag und Nacht. Hier in der Außenwelt haben sie den Überblick. U-Booten erscheint das Leben an der Wasseroberfläche ähnlich bedrohlich wie den Schiffen unter der Wasseroberfläche. U-Boote haben die Fähigkeit, in den dunklen Ozean abzutauchen, wo ihnen niemand folgen kann, wo sie ungestört mit sich allein sind. Aber auch sie sind nicht ausschließlich für die Wasserunterfläche geschaffen, auch sie müssen immer wieder auftauchen und am bunten Leben oben teilnehmen. Haben sie genügend Eindrücke gesammelt, wird die Sehnsucht nach Abtauchen groß und sie verschwinden wieder, um das Aufgenommene auszuwerten. U-Boote brauchen also sichere Strategien, die ihnen helfen, sich in den zwei so unterschiedlichen Lebensräumen so zu bewegen, dass sie sich in keinem von beiden verlieren.

Es wird auch klar, dass da, wo Schiffe und U-Boote einander begegnen oder in der Ehe und Familie zusammenleben, so manches Missverständnis vorkommen und einige Vorurteile vorherrschen können. „U-Boote“ empfinden „Schiffe“ eher als vorschnell, gedankenlos, rücksichtslos, unbeherrscht – während „Schiffe“ sich wundern über „die seltsamen Fahrzeuge, die da plötzlich auftauchen, denn man kann sie kaum hören und meistens sind sie irgendwie nicht da und nicht so recht bei der Sache. Sie glauben, dass „U-Boote“ vielleicht einen Konstruktionsfehler haben und deshalb nicht so richtig schwimmen können … Doch was in den Augen der harmonieliebenden „U-Boote“ als rücksichtslos erscheint, geht bei den „Schiffen“ als angemessenes, ja zuweilen dringend nötiges Verhalten durch. Wenn „Schiffe“ (Wasseroberfläche) Probleme sehr lösungsorientiert anpacken, suchen „U-Boote“ (in den dunklen Tiefen des Ozeans) lange und gründlich nach für sie brauchbaren Veränderungen. Beide, „Schiffe“ und „U-Boote“ sind überzeugt, dass ihr Lebensraum der einzig richtige ist – weil sie nur ihn kennen. Diese Tatsache mach das Zusammenleben nicht einfach.

Kraftvolle Ergänzung

Der Weg, miteinander klarzukommen, kann nicht heißen: „Warum bist du so anders?“ – Wobei „anders“ als „komisch“ interpretiert wird. Der Weg kann nur heißen: „Lass uns unsere Stärken zusammenlegen!“ Für Extrovertierte ist es viel leichter, ihre Stärken auszumachen; da ist manches sichtbar an der Oberfläche, sie erhalten von unserer Welt leicht Anerkennung und Bewunderung. Introvertierte müssen sich ganz bewusst auf die Suche nach ihrem tief eingegrabenen Schatz machen und ihn heben. Und das alles ohne Ermutigung und Bewunderung von außen, sogar mit viel Mut, innere Hindernisse zu überwinden. Solche Hindernisse sind zum Beispiel:

Dunkelheit

Dunkelheit, die sich als Erschöpfung und Mutlosigkeit zeigt, als Traurigkeit, als Gefühle, die nicht klar zu benennen und einzuordnen sind, die aber „schwer“ auf einem lasten. Während Extrovertierten meist direkt am Gesicht abzulesen ist, wie es ihnen geht, merkt die Umgebung des Introvertierten nichts von seiner im Moment vielleicht durchlebten Dunkelheit; er kann sich nach außen trotzdem gelassen und fröhlich geben. Introvertierte Menschen sind nicht griesgrämig und in sich verschlossen, ewig schlecht gelaunt. Sie sind vielschichtig, halten den schmerzvollen Teil bedeckt oder tauchen ziellos darin herum. Neulich meinte Frau A. ganz verzweifelt: „Ich bin doch Christin. In mir kann es doch gar nicht so dunkel sein, ich glaube doch an Jesus, der von sich sagt: ‚Ich bin das Licht der Welt!‘“ Ihr helfen inzwischen die Psalmen aus der Bibel, vor allem der Psalm: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme“ (Ps 130). „Die Psalmen zeigen mir“, so Frau A., „dass ich nicht falsch bin, wenn es in mir dunkel ist – und schon gleich gar nicht „unchristlich“. Es gehört zu meiner tief empfindenden Art. Ich darf mich nur nicht der Dunkelheit hingeben. Das ist es, was mich an Jesus fasziniert. Bei ihm und in ihm war auch vieles dunkel – davor werden wir als Christen ja nicht einfach bewahrt. Aber er suchte sich immer durch die Dunkelheit hindurch, indem er seinen Blick noch gezielter auf seinen Vater richtete. Das ist nicht einfach, aber es zeigt einen Weg.“

Angst

Die Angst lebt in Introvertierten oft tief. Die Angst, was andere denken würden, wenn sie in ihr Inneres sehen könnten. Die Angst, sich verletzlich zu machen, abgelehnt zu werden, nicht als die Person geliebt zu sein, die sie im Innersten wirklich sind. Eine Altenpflegerin meiner Mutter meinte neulich: „Eigentlich geht es darum, das loszulassen, was mich klein macht. Das sind meist nicht Reaktionen oder Sprüche von außen, sondern unsere eigenen Kritiker, diese subtilen Stimmen in uns, die kein gutes Haar an uns lassen ...“ Selbstgespräche wie „Das schaff ich nie!“ – „Andere sind besser!“ – „Das kann ich nicht!“ sind destruktiv und helfen nicht weiter. Die Angst in beide Hände nehmen und damit zu IHM gehen, „der den Docht nicht auslöscht“, sie ihm entgegenhalten und sich von IHM ins offene Herz zusprechen lassen: „Du bist meine geliebte Tochter, an der ich mein Wohlgefallen habe!“ – „Das muss man sich mal vorstellen“, erzählte Christa neulich fröhlich, „ER findet Wohlgefallen an mir. Dann muss ich doch richtig gut sein! Ich summe das im Auto jetzt öfters vor mich hin: „Ich bin deine geliebte Tochter. Du hast Wohlgefallen an mir!“

Wie "U-Boote" die Welt verändern

Das behutsame, leise Wirken der Introvertierten kann genauso zur Veränderung der Welt beitragen wie das laute, geräuschvolle Agieren der Extrovertierten. Jesus etwa hat völlig unterschiedliche Jünger berufen. Ich finde es sehr ermutigend, dass er beide Mentalitäten, Extrovertierte und Introvertierte, gezielt anspricht: „Ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid das Licht der Welt!“ Die einen durchdringen alles, die anderen leuchten voran. Keines der beiden Bilder ist besser, aber eines davon passt besser zu mir als das andere.

Gebetskraft

Die Veränderung der Welt beginnt nicht mit Taten, sondern in der Stille, im Gebet. Introvertierte verändern die Welt durch ihr Gebet. Der Apostel Paulus schreibt an seinen Schüler Timotheus, wie er beten kann, und dass das barmherzige Gebet für alle die Voraussetzung ist, dass die Welt sich verändern kann (vgl. 1 Tim 2,1-4). Gebet überwindet Grenzen, erweitert unseren Blickwinkel, öffnet neue Wege.

Mut zur Horizonterweiterung

Ich will mein Leben nicht ver-warten“, sagte neulich ein introvertierter Ehemann zu seiner Frau. „Ich will der Angst vor Neuem und der Angst vor ‚zu viel’ mit Mut begegnen. Ich will meinen Horizont von Gott ausdehnen lassen. Ich nehme das an, was er mir zuschickt an Aufträgen und Angeboten. Und auch wenn ich 1000 Tode sterbe, genieße ich es, wie er mich aus meinem streng umgrenzten Raum herausführt in die wohltuende Weite.“

Hingabe lernen

Hingabe heißt, sein Leben einem Größeren, Weitsichtigeren zu unterstellen, die leeren Hände ihm entgegenzustrecken und bereit zu sein, seinen ungewohnten Wegen und den Veränderungen, die das mit sich bringt, zu folgen. Das ist oft ein stiller Weg, den andere nicht wahrnehmen. Das verletzt und bringt Zweifel mit sich. Sich nicht beirren zu lassen und seinen eigenen Weg zu gehen, weil Gott ihn mir so aufgetragen hat – und ich auf einem anderen nicht glücklich werden würde –, braucht Mut und immer neues Umgehen-Lernen mit Einsamkeit.

Kreativität einbringen

Ein hoher Anteil kreativer Menschen ist introvertiert. Eigentlich verständlich, denn der Weg zu Kreativität geht durch Stille und Alleinsein. Echte Beobachtungsgabe, das Denken innovativer Gedanken und die Fähigkeit, flüchtige Bilder einzufangen und sie umzusetzen in Sprache oder Musik braucht einen angemessenen Raum der Ruhe und Stille – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Schriftstellerin Aba Assa drückt es so aus: „Kreativ arbeiten heißt, das Chaos im Kopf ständig neu ordnen.“ Das Ausleben der Kreativität schafft ein „künstlerisches“ Ventil für starke Emotionen und bietet gleichzeitig die Möglichkeit auch „über Wasser“ sichtbar zu werden.

Nicht vergessen: Selbstfürsorge

Für Introvertierte gilt: „Je weniger Aufmerksamkeit wir uns selbst schenken, desto weniger haben wir anderen auf lange Sicht anzubieten.“ Die Selbstaussage: „Ich bin so, wie ich bin, außerordentlich gut – ein Schatz!“ ist für introvertierte Menschen zunächst vielleicht ungewohnt. Nicht das, was sie tun, zählt primär, sondern die Tatsache, wer und wie Sie sind. Sie lieben abgesagte Termine, leere Räume, einsame Kaffeetassen und Geräusche aus der Natur … Ohne sich für diese und ähnliche „leise Andersartigkeiten“ Zeit zu nehmen, erleiden Introvertierte Schiffbruch. Sie für sich zuzulassen, ja, sie aktiv zu suchen, stärkt ihre reichen inneren Schätze und hilft, sie für ihre Umgebung zu heben und diese menschlicher und wärmer zu machen.

All diese Erkenntnisse: für mich ein frohmachender „Augenöffner“ und die Motivation, beide Arten – die extrovertierte und die introvertierte – in ihrer je eigengeprägten Weise zu schätzen und Gott dafür zu danken.


in: BEGEGNUNG- Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen 3/2018

www.zeitschrift-begegnung.de


 

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