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Ich lehn' mich bei Dir an

Claudia Brehm,


Vor fünf Jahren traf ich im Flur eines Tagungshauses eine Frauengruppe, die lebhaft am Diskutieren war: Anlehnen? Als Frau – beim Mann? Ist das nicht antiquiert? Sind wir nicht selber stark? Wir sind es doch, die die Familie voranbringen, zusammenhalten und nebenher noch vieles im Beruf leisten. – „Zufällig“ traf ich letzthin zwei Frauen aus jener Runde wieder. Irgendwann im Gespräch erinnerte ich sie an ihren Ausspruch von damals und fragte: „Seht Ihr das immer noch so mit dem Anlehnen?“ Da wurden beide ernst und eine von ihnen meinte: „Nein, inzwischen wäre ich froh, meinen Mann zum Anlehnen zu haben. Dieses Leben ist ein Kampf und ich beneide alle, die zum Gemeinsam-Tragen und Auftanken jemanden neben sich haben. Mein Mann und ich, wir sind nicht mehr zusammen. Er meinte, ich bräuchte ihn ja gar nicht, für ihn sei nicht wirklich Platz da!“ Und die zweite fügte hinzu: „Ich muss es immer wieder neu lernen, mich fallen zu lassen und Ruhe und Kraft bei meinem Mann zu holen. Wenn ich es schaffe, sind das richtig gute Momente in unserer Ehe, Momente, aus denen neuer Schwung und Antrieb kommt.“

 

Was Entfremdung wachsen lässt

Wer oder was hält mich davon ab, mich anzulehnen bei meinem Mann, mich vertrauensvoll in seine Arme fallen zu lassen? Die knappe Zeit miteinander? Unser beider dicht gedrängtes Programm, das Organisationsgespräche zulässt, aber keine Herzensgespräche? Die Fremdheit, die im Lauf der Zeit zwischen uns aufgekommen ist? Oder weil er mir unmissverständlich mitgeteilt hat, dass er kein Typ für Zärtlichkeiten ist und mit Nähe schlecht umgehen kann? Oder ist es das Erleben oder Gefühl, meinen „Mann“ stehen zu müssen, sowohl in der Familie als auch im Beruf? Und hier ist es eben Usus: sich nichts anmerken lassen, Augen zu und durch, selbst ist die Frau!

 

Aus meiner Sicht tragen die neuen Medien einen gewaltigen Teil zu einer wachsenden Entfremdung zwischen Ehepartnern bei. In der Zeit, in der wir jetzt aufs Smartphone starren, haben wir früher dem Partner in die Augen geblickt und hatten kurze freie Zeiten, um miteinander zu reden. Heute laufen wir Gefahr, dass jeder seine mühsam zusammengekratzte freie Zeit in diversen WhatsApp-Gruppen oder anderweitig interessant erscheinenden digitalen Räumen verbringt und dann randvoll davon ist.

Welche Regeln in unserer Ehe haben wir für den Umgang mit den neuen Medien? Welchen Rahmen stecken wir ab, damit trotz allem genügend Zeit für uns beide bleibt? Denn Zeit brauchen wir füreinander, damit unsere Liebe einander „sättigt“.

 

Bin ich gut genug? Bin ich schön für dich?

Bin ich gut genug, bin ich schön für dich? Ganz tief drinnen treiben uns diese beiden Fragen um und suchen nach der positiven Antwort. Für meinen Mann ist es wichtig, dass ich ihm immer wieder durch Worte und Gesten signalisiere: „Du bist gut. Ich bewundere an dir …, schätze an dir …, danke dir für … Diese Frage, ‚Bin ich gut genug?‘, die dich überall, vor allem im Beruf umtreibt, musst du bei mir nie stellen. Ich bin froh, dass gerade DU mein Mann bist!“

Für uns Frauen hängt viel von seiner Beantwortung unserer Frage „Bin ich noch schön für dich?“ ab. Als unsere Tochter klein war, wirbelte sie als Prinzessin verkleidet durchs Zimmer und rief: „Papa, Papa, schau nur, findest du mich schön?“ Ein Stück weit bleibt uns Frauen diese Frage erhalten, nur richtet sie sich jetzt an unseren Mann. Hinter ihr steckt das tiefe Bedürfnis, sicher zu sein, dass mein Mann mich attraktiv findet und ich von ihm geliebt bin. Und da er meist nicht weiß, dass mich diese Frage umtreibt, darf ich ihm sagen, was mir gut täte, was ich brauche.

 

Durch eine Krise zu mehr Wertschätzung füreinander

Bei einer Silberhochzeit trafen wir neulich Alex und Konstanze. Die beiden haben vor 37 Jahren geheiratet, er ist seit zehn Jahren im Rollstuhl, sie hat Narben von schweren Verbrennungen. Und sie wirken glücklich. Als das Silberhochzeitspaar vorschlägt, dass jedes anwesende Paar aus seiner Erfahrung eine Sache erzählen könnte, was ihrer Ehe guttut, was sie am flutenden Leben hält, meldet sich Alex als Erster. „Durch meinen Unfall verbrachten wir viel Zeit im Krankenhaus mit Reden, und dabei ging uns auf: Meine Frau lebt davon, dass ich ihr persönlich immer wieder sage, dass ich sie schön finde und dass ich sie liebe. Davor war ich davon ausgegangen, sie wüsste das – schließlich habe ich sie ja geheiratet. In unserem Haus gibt es genügend Spiegel, aber der eigentliche Spiegel, der zählt, bin ich. Das ist eine große, aber auch schöne Verantwortung. Ich kann Konstanze von dem unguten Druck befreien, den die Gesellschaft aufbaut, und ihr das innere Wissen geben, dass sie schön ist!“

 

Dann ergriff Konstanze das Wort: „Mein Mann lebt davon, dass ich mich bei ihm anlehne und Schutz bei ihm suche, dass ich ihm dadurch signalisiere: Du bist wichtig für mich, ich bin froh, dich als meinen Mann zu haben und mit dir durchs Leben zu gehen. Gegenseitige Bestätigung bringt uns voran, macht Schweres leichter tragbar und öffnet den Blick für das viele Schöne.“

 

Was würden Sie auf die Frage des Silberhochzeitspaares antworten? Das Anlehnen an meinen Mann tut mir gut, es nimmt mir Angst und gibt mir Kraft. Und meinem Mann wiederum tut es gut, zu spüren: Sie braucht mich, ich kann ihr Schutz und Halt geben – ich genüge! Wissen wir voneinander, was der/die je andere braucht, um erfüllt (satt und nicht ewig suchend) leben zu können?

 

Mich anlehnen bei mir selbst

Es tut gut, wenn ich mich bei meinem Mann anlehnen kann. Doch ich brauche auch das Mich-Wohlfühlen bei mir selbst, das Befreundet-Sein mit mir selbst. Denn ohne das spürte ich gar nicht, was mir guttut, und käme gar nicht auf die Idee oder würde es nicht wagen, mich bei meinem Mann anzulehnen.

 

Freundschaft mit mir selbst bedarf des Alleinseins. Sie lebt von der Verabredung mit mir selbst, fernab von Trubel und Geschäftigkeit. Denn nur im Alleinsein höre ich diese feine innere Stimme in mir. Karl Valentin bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Heute gehe ich mich besuchen. Hoffentlich bin ich zu Hause!“

Wenn wir nicht auf unser Inneres hören, hören wir bald nur noch auf andere und anderes. Je weniger wir einen Zugang zu dem haben, was wir empfinden und wollen, desto leichter werden wir zum Spielball der Launen und der Interessen anderer.

Damit ich meine innere Stimme hören kann, hilft es mir, mich freizubuddeln von zu vielen Informationen. Mein Maß an Fernsehen, Smartphone-Nutzung, Zeitung-Lesen, Radio-Hören muss immer wieder gekürzt werden, damit auch Stille und Nichts-Tun noch Platz haben. Nur so kann ich das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden und mein eigenes Leben führen.

 

Den inneren Kritiker zähmen

Meiner Freundschaft mit mir selbst steht der innere Kritiker entgegen. Wir kennen sie alle, diese Stimme, die nicht liebevoll und freundlich mit mir spricht, sondern mich in Frage stellt, runtermacht – und dabei noch so tut, als wolle sie mein Bestes: „Man geht nicht aus dem Haus, wenn nicht aufgeräumt ist!“ – „Das kannst du nicht!“ – „Das wird schiefgehen!“ – „ Die anderen können das alle besser!“ – „Du musst das doch schaffen; stell dich nicht so an!“ – „Du solltest endlich abnehmen!“ – „Du solltest dich mehr anstrengen!“

 

Jede „Ansage“ in mir, die mich vorwurfsvoll und herablassend behandelt und mir das Gefühl gibt, nicht in Ordnung zu sein, ist sicher nicht von Gott. Sie ist ein Implantat, das sich bei mir eingenistet hat und nicht mein Freund ist – und darum muss ich nicht auf sie hören. Ich darf und soll ihr die Stimme der Befreundung mit mir entgegensetzen, die Stimme, die die Ehrfurcht und Freude Gottes über mich, seine gelungene Schöpfung, ausspricht: „Es ist wichtig, Fehler zu machen, es steht dir zu und wird dich weit nach vorne bringen in deinem Lernen.“ – „Es muss nichts bringen, es darf dir einfach guttun!“ – „Du bist meine geliebte Schöpfung, mein Geniestreich auf zwei Beinen.“ – „Du musst nicht das Beste geben, es reicht, wenn du dein Bestes gibst!“

 

Das Gute ist: Um uns mit uns selbst anzufreunden, brauchen wir nur ganz wenig – eigentlich nur uns selbst. Der Ort ist der konkrete Alltag, die Zeit ist JETZT, in diesem Moment.

 

Anlehnung an Gott, meinen Schöpfer

Eigentlich merke ich bald und immer wieder: Die Sache mit dem Anlehnen an meinen Mann und das Ja sagen zu mir selbst kommt schnell an seine Grenzen, wenn viele Menschen Forderungen an mich stellen – ob sie das nun wirklich tun oder ich mich nur vielem verpflichtet fühle – und die Wellen des Lebens über mir zusammenschlagen. Spätestens dann wird mir klar: Das, was durchträgt – nein, der, der durchträgt –, ist ER: mein Schöpfer. Der Vater, der mich liebevoll geschaffen hat, der Sohn, der mich tatkräftig durchs Leben begleitet, und der Heilige Geist, der das Öl der Liebe in meinen Beziehungen, der frische Wind in meinem Leben und der liebevolle Einflüsterer und Ermutiger in meinem Tag darstellt.

 

Fragen und Nöte teilen

Mich immer wieder auszuklinken und in einem „knackigen Stoßgebet“ an meinen Herrn oder an Jesus oder an den Heiligen Geist oder an die Gottesmutter zu wenden – je nach Spezialgebiet –, tut einfach unendlich gut. Sie interessieren sich für alles und hören mir zu. „Jesus, die Ampel da vorne: wenn die auf Rot geht, erreiche ich im Leben nicht mehr meinen Termin.“ Er hat mich gelehrt, dass die Ampel dann entweder auf Grün geht oder dass, wenn sie auf Rot stehen bleibt, mein Termin trotzdem noch erreichbar ist, entweder mit Verspätung, weil alle später kommen, oder weil der Terminpartner nachsichtig ist. – „Maria, du Frau des praktischen Lebens, wie soll ich denn aus diesen wenigen Zutaten ein schmackhaftes Essen für drei Personen herstellen, die gleich überraschend hier einfallen werden?“ Da erweist sie sich dann als kreative Auflauf-Beraterin. Solche Stoßgebete tun so gut. Ich weiß, ich bin nicht allein, ich kann meine Fragen und Nöte teilen und ich darf hinhören, was ER mir vorschlägt und in welche Richtung er weist. Das schenkt Sicherheit und Geborgenheit – Anlehnung eben.

 

Anlehnen an IHN geht auch gut in der heiligen Messe. Es ist eine Zeit, in der kein Mensch etwas von mir will und ich in Gemeinschaft mit anderen singen, beten, hören und mich tragen lassen kann.Auch die Beichte hat da ihre Bedeutung. „Wie bitte, Beichte? Da gehst du noch hin?“ – „Ja, warum denn nicht?“ Ein Sakrament, das lange Zeit verkannt und abgelehnt wurde, wo langsam aber bemerkt wird, um was wir uns da eigentlich gebracht haben: Abladen und Befreiung finden, neu anfangen dürfen, Altes und Verstaubtes, das mich hindert, abwerfen und zurücklassen, Neuland betreten. Das kann nur der erfahren, der den Mut aufbringt und hingeht; um mich anlehnen zu können, muss ich erst mal aufs Gegenüber zugehen und den Abstand zwischen uns überwinden.

 

Anlehn-Zeit“

Zum wahren Kraft- und Anlehnungsort wird es, wenn ich Zeit verbringe mit dem Gott des Lebens und der Liebe. – Dass die Ruhe ja gar nichts bringt, weil, sobald Sie äußerlich zur Ruhe kommen, der innere Krach durchschlägt, sagen Sie? Ja, Sie haben Recht, es schießt einem viel durch den Kopf. Meiner Erfahrung nach gibt es da nur eines: sich viele Tage hintereinander zur „Kurz-Ruhe“ einfinden, dann gewöhnt sich mein Gehirn mit der Zeit daran und reagiert ruhiger. Dann kann ich beginnen, einem Gedanken nachzuhängen, den inneren Kritiker zur Ruhe zu bringen oder einfach mal Denk-Ebbe zuzulassen …

 

Ich vergesse immer wieder, wie sehr Gott es liebt, wenn ich mich an ihn anlehne. Gut, dass er immer wieder Wege findet, mir seine Schulter und seine Seite anzubieten, damit ich mich in diesen aufgebrachten Zeiten mit Geborgenheit und Stille „sättigen“ kann.

in: BEGEGNUNG- Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen 2/2018

www.zeitschrift-begegnung.de


 

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