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Komfortzone statt Konfliktzone

Claudia Brehm,

 

Der Frühling lockt mit all seinen Farben und seiner Pracht. Das öffnet mir jeden Morgen neu das Herz. Und der Werbung rund um mich herum offensichtlich auch. Da wird geworben für frühlingsfrische Wäsche, für Frühling auf dem Tisch durch hauchzarten Käse, für frühlingsbunte Stoffe, für einen zart-farbigen Frühlingsurlaub in Mazedonien usw. Und mein Nachbar mit Malerwerkstätte hat es großflächig auf seinen Handwerkerbus schreiben lassen: „Wir bringen Farbe in Ihr Haus!“

Warum eigentlich wirbt niemand für Frühling in unserer Ehe? Für frische, farbige Momente in unserem Zusammenleben? Für Neuaufbrüche in festgefahrenen Situationen? Für Leichtigkeit und sprudelnde Liebe und Respekt?

Moment mal: Sprudelnde Liebe und Respekt? Wie passt das denn zusammen?


Liebe und Respekt – Hilfe für sprudelnde Liebe
Schon der Apostel Paulus muss um diesen wichtigen Zusammenhang gewusst haben, wenn er sagt: „Ihr Männer liebt eure Frauen. Ihr Frauen, ehrt eure Männer!“ Das ist ein Zusammenhang, über den man heute viel zu wenig hört und weiß, der unseren Ehen aber nochmals eine ganz neue Intensität verschaffen kann bzw. könnte: Farbe eben – und Frühling. Dass Paulus im Recht ist, an Frauen und Männer unterschiedliche Apelle zu richten, ist heute empirisch nachweisbar. Frauen und Männer haben völlig unterschiedliche Erwartungen an eine Partnerschaft: Frauen suchen in erster Linie Liebe, Männer in erster Linie Respekt.

Wie bei all solchen Ansagen und Verallgemeinerungen trifft das auf viele zu, aber niemals auf alle. Wenn es bei Ihnen, in Ihrer Ehe andersherum ist, ist das so richtig. Es öffnet Ihnen aber dieselben weiten Horizonte für Ihre Beziehung, wenn Sie um die unterschiedlichen Erwartungen der beiden Partner wissen.


Frauen sind liebesbedürftig

Wie ein Vogel die Luft zum Fliegen und Menschen zum Atmen, so braucht eine Frau das Gefühl, geliebt zu werden. Sie lebt von Aufmerksamkeiten, Zärtlichkeiten, Rücksichtnahme, Hilfeleistungen, Unterstützung und Zuhören – und kann aus dieser Quelle heraus unglaublich viel leisten und sich kümmern. Ohne gefühlte Liebe trägt sie schwer am Leben. Sie läuft Gefahr, zu verkümmern oder zu verbittern – es sei denn, sie entdeckt, dass sie in jedem Fall bei Gott angesehen und geliebt ist.


Männer brauchen Respekt

Ein Mann, der sich nicht respektiert fühlt, wird wütend oder vergrämt, leidet still vor sich hin, kommt sich wie ein „Waschlappen“ vor; wohingegen er aufblüht, wenn ihm Achtung entgegengebracht wird und er Interesse an sich bzw. an seinen Aufgaben erfährt.

Verschiedene Studien brachten es an den Tag. Die Frage hieß: Welche dieser beiden Situationen würden Sie lieber ertragen, wenn Sie sich für eine der beiden entscheiden müssten: Einsam und ungeliebt zu sein oder keinerlei Respekt und Anerkennung zu erfahren? 74 Prozent der Männer wollten – wenn man schon zwischen zwei schlimmen Dingen wählen muss –, lieber einsam und ungeliebt leben, als keinerlei Respekt und Anerkennung zu erfahren.

Oder eine weitere Frage: Wenn ich mit meiner Partnerin streite, kommt es am ehesten vor, dass ich das Gefühl habe: „Meine Frau achtet mich nicht!“ oder „Meine Frau liebt mich nicht!“. Sie vermuten richtig: 81 Prozent der Männer kreuzten an: „Meine Frau achtet mich nicht.“*


Wie äußern sich Liebe und Respekt?

Nicht selten kommt es vor, dass Frauen selbst Streit anfangen, um die verloren geglaubte Liebe wieder zu beleben. Sie suchen ein „klärendes“ Gespräch mit dem Mann, um die Liebe neu zu stärken. Was bei ihr zum Stressabbau führen soll, ruft beim Mann jedoch leicht erhöhten Blutdruck hervor. Ihm machen solche Gespräche Angst, er kann nicht gut damit umgehen, also macht er dicht und „mauert“. Sie wiederum versteht seinen Rückzug als Ablehnung und weitergehende Aufkündigung der Liebe. Irgendwann schweigen sich beide ängstlich an – die eine fürchtet um die Liebe, der andere um den Respekt. Beide hängen in einer unguten Spirale nach unten fest: Er zeigt ihr keine Liebe, also fühlt sie sich ungeliebt. Infolgedessen zeigt sie ihm weniger Interesse, woraufhin er nicht motiviert ist, ihr Zeichen der Liebe zu schicken ...


Wenn aus der Abwärtsspirale eine Aufwärtsspirale wird

Um diesen Negativkreislauf zu durchbrechen, kommt es darauf an, dass einer der beiden an einer Stelle anfängt. Beginnt er damit, sie zu lieben und ihr entsprechende Zeichen zu geben, beginnt sie, ihn zu respektieren. Bringt sie ihm Aufmerksamkeit und Achtung entgegen, bringt er ihr mehr Liebe entgegen.

Wie sieht diese Liebe denn aus, die sie aufbaut und wachsen lässt? Und wie sieht dieser Respekt aus, den er so nötig braucht, um sich als geachtet zu erleben?


Wie Frauen Liebe erfahren

Frauen erfahren Liebe durch den Vierklang: Zuwendung, Nähe, Aufmerksamkeit, Dank. Frauen tut es unendlich gut, ein Kompliment zu hören, in den Arm genommen zu werden, beim Spaziergang Hand in Hand zu gehen, weil es Verbundenheit und Nähe ausdrückt. Es hilft ihnen, in den täglichen Aufgaben wahrgenommen und wertgeschätzt zu sein, indem er zum Beispiel sagt: „Ich bewundere, wie du das alles hinbekommst, während ich auf der Arbeit bin!“ Eine Frau schätzt es normalerwiese sehr, wenn sie „ihm“ ihre Gedanken mitteilen darf und er ihr einfach zuhört, ohne gleich einen Aktionsplan zu Lösungen vorzulegen oder aufzudrängen. Das Zuhören des Mannes hilft ihr ungemein, ihre eigenen Gedanken zu klären und durch das Formulieren und Aussprechen klarer zu bekommen. „Ich rechne es meinem Mann hoch an“, meinte Hilde neulich, „dass er während des Essens und abends nach 20.00 Uhr sein Smartphone weglegt. Oder dass er, wenn ich mit ihm rede, nicht drangeht, egal ob eine WhatsApp kommt oder ein Anruf. Das signalisiert mir: Ich bin ihm wichtig!“

Mein Mann sagt manchmal: „Da hilft nur noch Beten. Bete du was, ich bin dabei!“ Das schafft viel Nähe und Vertrautheit. „Mein Mann würde das nie sagen“, erzählt Inge. „Er ist wirklich ein guter Mann, aber Beten, das schaffen wir nicht zusammen. Ich bete viel für ihn und fühle mich ihm dann auch nahe. Und ich verstehe immer besser und danke es ihm, dass er mich zu Gruppentreffen fährt, beim Gemeindefest die Tische schleppt und aufstellt, den alten Anton besucht und sich für dessen Archivbilder interessiert. Das ist seine Art von Religiosität, und die finde ich wunderschön.“

Was ist für Sie wichtig, um Liebe zu spüren, die Ihr Mann Ihnen entgegenbringen möchte? Wie wäre es, wenn Sie darüber nachdenken und nachfühlen und es dann Ihrem Mann erzählen? Männer wollen ja lieben, aber weil sie so ganz anders ticken als Frauen, kommt das, was sie als Liebe denken, bei der Frau oft nicht als Liebe an. Welche Vergeudung unserer kostbaren Ehejahre, wenn wir uns da nicht gegenseitig weiterhelfen im gegenseitigen Verstehen!


Wie Männer Respekt erfahren

Umsorgt werden, gefragt werden, anerkannt werden, regelmäßig in Ruhe gelassen werden. – Das ist der Vierklang, der für Männer wichtig ist.

Umsorgt werden, vor allem, wenn man(n) krank ist, oder wenn er nach einem anstrengenden Tag müde nach Hause kommt. Das signalisiert: „Ich achte dich! Ich interessiere mich für dein Wohlergehen. Ich schätze sehr deinen Einsatz für unsere Familie. Ich will dir wohl!“

Für einen Mann ist seine Arbeit und das Geldverdienen sehr wichtig; das ist für uns Frauen oft nur schwer nachvollziehbar, weil uns eine solche Würdigung gar nicht so viel bedeuten würde. Wenn sie ihm dafür dankt, dass er so viel Kraft und Zeit in den Beruf investiert, zeigt ihm das, dass sie seinen Einsatz schätzt und nicht für selbstverständlich nimmt.

Respekt zeigen, in dem ich ausspreche, was ich an ihm gut finde und bewundere, und dafür danken. Das vermeintlich Selbstverständliche hervorkramen, abstauben und mit neuem Blick darauf schauen. Eine Freundin sagte vor kurzem: „Ich will mir, wenn mein Mann einmal gestorben ist, keine Vorwürfe machen müssen, wo ich überall versäumt habe, ihm zu danken, weil ich vieles für selbstverständlich genommen habe und erst jetzt, wenn er fehlt, merke, was er alles (für mich) getan hat. Ich mache das vermeintlich Selbstverständlich-Alltägliche zum Besonderen und danke ihm dafür.“

So viel wie uns sein „Ich liebe dich!“ bedeutet, bedeutet ihm der Satz: „Ich bin stolz auf dich, weil …“ „Ich bewundere, wie du …“ „Es macht mich glücklich, dass …“

Männer erklären gerne die Welt; das sieht man schon an kleinen Jungs: Sie lieben es, ihre Geheimnisse zu durchdringen. So wie sie das Innenleben technischer Geräte schnell erfassen und deshalb Abhilfe schaffen können, wenn es kaputt ist, so wollen sie auch die Vorgänge der Welt erfassen und verbessern. Es lohnt sich, ihnen zuzuhören und bewundernd nachzufragen. Vielleicht sind wir heute in Gefahr, ihr Erklären-Wollen als Dozieren von oben herab zu empfinden und denken: Das interessiert mich nicht! Mir reicht es, den schönen Sonnenuntergang zu erleben, ich brauche keine physikalischen Erklärungen, die die ganze Romantik zunichtemachen …

Mit dem gleichen Recht, wie wir Romantik suchen, erfreuen sie sich an Zusammenhängen und wollen dahinter schauen. Also zuhören und lernen!


Im Alltag umgesetzt

Neulich erzählte Erna: „Ich dachte immer, mein Mann sei der große Schweiger. Dann hörte ich ihn vor einigen Wochen bei der Vollversammlung reden und bewunderte seine Diskussionsleitung und seine Gesprächsbeiträge. Er wirkte total kompetent und gleichzeitig sehr bemüht und integrierend. Ich habe es ihm hinterher gesagt – und mich gleichzeitig gefragt, ob ich ihn vielleicht einfach zu wenig zu Wort kommen lasse, zu wenig nachfrage oder ihm zu schnell über den Mund fahre … Ich frage ihn jetzt viel öfter als früher und er antwortet mir auch. So ist schon manches intensive Gespräch entstanden und unsere Schweigetage werden weniger.

Sabine hat folgende Erfahrung gemacht: „Seit ich kapiert habe, dass mein Mann immer wieder in Ruhe gelassen werden will, dass er Zeiten braucht, wo er einfach vor sich hinarbeiten kann, ohne dass ich ihn anspreche oder mitmache, geht es uns viel besser. Ich habe immer Paare bewundert, die alles miteinander machen, und erwartete das auch von meinem Mann. Aber er braucht, um nach der stressigen Arbeit sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, dringend diese Alleinzeiten. Neulich saß ich an der Nähmaschine, neben mir lag ein Gummiband, das ich in eine Hose einziehen wollte. Da nahm er das Band versonnen in die Hand, dehnte es, ließ es wieder zurückschnellen und meinte: ‚Das ist ein bisschen wie ich. Ich brauch‘ das auch: Nähe und Entfernung. Danke, dass ich immer wieder abtauchen darf in meine Welt. Seit das so unkompliziert möglich ist, komme ich auch sehr gerne wieder zurück.‘ Dass dies das Highlight meines Tages war, brauche ich sicher nicht extra zu betonen.“

* Emerson Eggerichs, Liebe und Respekt, Gerth Medien, Asslar 2011

IN: BEGEGNUNG – Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 2/2019

www.zeitschrift-begegnung.de


 

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