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Wenn die Fülle der Arbeit zur Last wird

Klaus Glas,

 

Wie beruflicher Stress zur Depression führen kann

Herbert D. (50), Lehrer an einer berufsbildenden Schule, ist seit Monaten niedergedrückt. Nichts macht ihm mehr richtig Freude. Er hat Probleme mit dem Einschlafen, weil er am Abend seine „Sorgen mit ins Bett nimmt“, wie er sagt. Mit der Konzentration hapert es; neulich erst hat er einen wichtigen Konferenztermin verpasst, woraufhin er sich Vorwürfe machte. Wenn er in schlechter Stimmung auf sein bisheriges Leben zurückblickt, scheinen da bloß eine Menge Fehlschläge zu sein. Herr D. fühlt sich so ausgebrannt, dass er auf Drängen seiner Frau einen Psychiater konsultiert. Dieser diagnostiziert eine „mittelgradige depressive Episode“ und zusätzlich ein „Burn-out-Syndrom“. Der Arzt attestiert eine Arbeitsunfähigkeit für vier Wochen. Der Patient mailt einem Kollegen: „Ich bin für längere Zeit krank, ich habe ein Burn-out.“

Vom Segen und Fluch der Arbeit

Seit der Vertreibung aus dem Paradies hat die Arbeit ein eher schlechtes Image.Das Bibelwort vom „Schweiße des Angesichts“ und der Mühsal, die fortan mit dem Broterwerb verbunden sei, klingt bis heute nach (Gen 3, 17). Denn spricht man von Arbeit, ist meist die mit Stress assoziierte Erwerbs-Arbeit gemeint. Die Stichworte der Sozialwissenschaftler können einem einen Stich versetzten: Arbeitsverdichtung, Beschleunigung, Entgrenzung der Lebens- und Arbeitswelt. Ist die Work-Life-Balance nicht mehr gegeben, kann der berufliche Stress zu allen möglichen körperlichen und seelischen Beschwerden führen. Studien zeigen, dass sich zwischen 10 und 30 Prozent aller Befragten als ausgebrannt erleben. Dem Psychologen Gert Kaluza zufolge hängen 50 bis 60 Prozent aller Fehlzeiten am Arbeitsplatz mit Stress-Problemen zusammen. Wer regelmäßig mehr als 11 Stunden am Tag arbeitet, hat ein 2,5-faches höheres Risiko an einer Depression zu erkranken, mahnt der Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer. Das ist die eine Seite der Medaille.

Die andere Seite zeigt ein anderes Bild: die meisten Menschen gehen gerne zur Arbeit. Befragungen zufolge sind ausgerechnet jene zufrieden, die besonders viel arbeiten: Selbständige, Freiberufler, Landwirte. Als Grund wird das Lebensgefühl angeführt, gefordert zu sein und über seine Zeit frei verfügen zu können. Dabei ist die innere, gefühlte Freiheit wichtiger als die tatsächliche. Auch die Tätigkeitselber wird als beglückend erlebt, vor allem, wenn man sich mit seinen Talenten und Fähigkeiten einbringen kann. Hat Luther also recht? Der Reformator formulierte einst: „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen.“ Noch weiter geht P. Josef Kentenich, der Gründer der Schönstatt-Bewegung. Seiner Spiritualität zufolge ist die Arbeit eine Quelle der Freude, weil der Mensch an der „schöpferischen und sich verschenkenden Tätigkeit Gottes“ teilhat.

Äußere Belastungen und persönliche Stressverstärker

Wie kommt es, dass der eine vom Arbeitsstress krank wird, während ein anderer weiter seinen Dienst verrichten kann? Die Wissenschaft verweist auf das Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Vulnerabilität bedeutet Anfälligkeit. Diese ist eine Art Sollbruch-Stelle. Dazu zählt der Faktor familiäre Belastung. Demnach haben Kinder depressiver Eltern ein 3-mal so hohes Risiko, als Erwachsene eine Depression zu entwickeln, wie Personen, deren Eltern gesund sind, so Hans-Ulrich Wittchen, Direktor des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Dresden. Persönlichkeitsmerkmale, wie emotionale Labilität oder Gewissenhaftigkeit, können sich im Zustand der Überforderung ungünstig auswirken. Herr D. ist leicht zwanghaft: er ist bestrebt, alles perfekt zu machen. Dabei verheddert er sich oft in Kleinigkeiten: jede PowerPoint-Folie muss für die SchülerInnen ein Aha-Erlebnis bieten, zu jedem Thema muss er ein Buch gelesen haben.

Bei Herrn D. kamen Arbeit und Freizeit aus der Balance, als er die lang ersehnte Beförderung erhielt: „Früher war das die Krönung der Laufbahn, heute bedeutet das den Anfang von viel mehr Arbeit.“ Tatsächlich kam der frischgebackene Oberstudienrat zunehmend aus dem Tritt. Das hing zum einen zusammen mit der unklaren Stellenbeschreibung; ihm wurden viele Koordinierungsaufgaben zugeteilt, die mit einer kurzen Deadline versehen waren. Der Pädagoge versuchte, alles perfekt hinzukriegen und es allen recht zu machen. Im Hintergrund wirkten die Stress-Verstärker „Behalte die Kontrolle!“ und „Sei perfekt!“ Zum anderen bedrückte es Herrn D., dass er nicht jene Wertschätzung für sein Engagement bekam, die er sich erhoffte. Statt einen Schritt langsamer zu gehen, legte er einen Gang zu. So rutschte Herr D. in den "Erschöpfungstrichter". Die schwedische Psychiaterin Marie Åsberg bezeichnet damit ein Lebensgefühl der Einengung, das entsteht, wenn sich überlastete Personen längere Zeit im „getriebenen Tun-Modus“ befinden: sie funktionieren nach außen hin, fühlen sich aber innerlich nicht mehr lebendig.

Alles Burn-out?

Männer bekommen Burn-out, Frauen Depressionen. So lautet ein gängiges Klischee. Während dem einen Wort der Nimbus des Ritterschlages anhaftet, empfindet man das andere als stigmatisierend. Bis heute gibt es keine konsensfähige Definition, was unter Burn-out zu verstehen sei. So streiten Experten, ob es sich um einen Modediagnose oder ein Krankheitskonzept handelt. Wenn Herr D. gegenüber seinem Kollegen von Burn-out spricht, teilt er diesem zwei Dinge mit: a) „Ich kann nicht mehr!“ und b) „Das hat viel mit meiner Arbeit in der Schule zu tun.“ Er erwartet auch, dass der Kollege Betroffenheit und Anerkennung zeigt: „Oh Gott, wie schlimm. Ich habe mich oft gefragt, wie du all' das schaffst.“

Im Unterschied zur subjektiven Beschreibung des Burn-out-Syndroms - es werden mehr als 120 Symptome damit in Verbindung gebracht - handelt es sich bei der Depression um eine klar definierte Krankheit. Die Depression gehört weltweit zu den häufigsten seelischen Störungen; jede vierte Frau und jeder achte Mann erkrankt irgendwann im Laufe seines Lebens an einer Depression. Die typische Depression verläuft in Phasen. Unbehandelt dauert eine Episode etwa 3 bis 4 Monate. Im Vergleich zu früher hat sich der Krankheitsbeginn vor verlagert: die meisten Betroffenen erleben schon zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr die erste depressive Episode. Eine affektive Störung, wie die Depression auch genannt wird, kommt selten allein. Oft stellt der Psychotherapeut auch noch eine Angststörung oder eine psychosomatische Erkrankung fest. Die Depression kann lebensbedrohlich sein; der tödliche Ausgang Suizid wird auf 15 Prozent geschätzt.

 

Psychotherapie hilft

Depression ist eine Krankheit, die man ernst nehmen muss. Die Hälfte aller betroffenen Personen erleidet nämlich eine weitere depressive Episode. Bei Patienten mit zwei oder mehr depressiven Phasen liegt das Rückfallrisiko gar zwischen 70 und 80 Prozent.

Depressive Patienten können erfolgreich mit kognitiver Verhaltenstherapie behandelt werden. Nach Martin Hautzinger ist die Wirksamkeit dieser Therapie weltweit durch eine Vielzahl von Studien belegt worden. Der Tübinger Psychologie-Professor betont, dass dadurch die Anzahl weiterer depressiver Episoden vermindert oder deren Auftreten auch verhindert kann.


Herbert D. bekam einen Therapieplatz in einer verhaltenstherapeutisch orientierten psychosomatischen Fachklinik. Dort erreichte ihn eine vollgeschriebene Postkarte von seinen Kolleginnen und Kollegen. Diese hatten originelle Wünsche für seine Gesundung formuliert. Herbert D. musste herzhaft lachen, als er zum dem Spruch kam: „1 Minute Dumm stellen erspart oft 1 Stunde Arbeit.“

in: basis 12/ 2016


 

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