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Demokratiekompetenz - psychologisch betrachtet

Klaus Glas, 17.11.2018,


Sind Selbstkontrolle und Solidarität Säulen der Demokratie?


Es ist ein wundervoller Tag in Washington, jener 20. Januar 1961. Bei strahlendem Sonnenschein ruft der neugewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika den Menschen vor dem Kapitol zu: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ Applaus und Rufe der Begeisterung branden auf.


Jo
hn F. Kennedy hatte mit seiner Antrittsrede die Menschen motiviert, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Die BürgerInnen fühlten sich angesprochen, weil sie spürten, dass sie in diesem freiheitlichen Land zusammen stehen müssen. Menschen haben nicht nur eine kulturell bedingte Staatsangehörigkeit. Sie haben auch ein angeborenes Bedürfnis, dazuzugehören. „Kein Mensch ist eine Insel“, brachte es der englische Dichter John Donne auf den Punkt. Archäologen entdeckten vor einigen Jahren nahe der italienischen Hauptstadt ein Grab aus dem Neolithikum. Der etwa 6.000 Jahre alte Fund zeigte zwei Skelette, die eng umschlungen in die Erde gebettet waren, die Gesichtsschädel einander zugewandt. Das junge Paar gehörte wahrscheinlich einem größeren sozialen Netzwerk an. Denn unsere Vorfahren lebten in Gruppen, denen bis zu 150 Personen angehörten.


Was macht eine Demokratie aus?

In einer modernen Demokratie leben oft Millionen Menschen friedlich miteinander. Wenn man Philosophen oder Politologen befragt, was die Demokratie ausmache, ist man als „Otto Normalbürger“ enttäuscht. Die Experten schauen zumeist auf die dunkle Seite der staatlichen Macht. So vertrat der Philosoph Karl Popper die Auffassung, man dürfe jene Staatsform, die durch Freiheits- und Gleichheitsrechte geprägt sei, nicht als Antwort auf die Frage verstehen, wer herrschen solle. Stattdessen sei die Demokratie eher eine Lösung für das Problem, wie man eine schlechte Regierung ohne Blutvergießen loswerden könne. Für den Politikwissenschaftler John Mueller beruht die Demokratie darauf, den BürgerInnen die Freiheit zuzugestehen, sich auf jede erdenkliche Art zu beschweren. Eine gewählte Regierung wird sich eher bewegen, wenn enttäuschte BürgerInnen protestieren, publizieren oder eine Petition einreichen.

Die Demokratie dient weniger dem Glück des Einzelnen. Stattdessen schützt sie recht erfolgreich die Gesellschaft vor Unbill und Chaos. Vielleicht erfreut sie sich gerade deswegen zunehmender Beliebtheit. Zu Beginn der 1970er Jahre gab es etwas mehr als 30 demokratische Regierungen rund um den Globus. 1989, als die Berliner Mauer fiel, gab es bereits 52 Demokratien. Und im Jahr 2015 konnte man mehr als 100 demokratische Regierungen zählen, sagt der US-amerikanische Psychologe Steven Pinker. Der Intellektuelle beschreibt die Demokratie als eine Regierungsform, der die Gratwanderung gelinge, „gerade genug Gewalt auszuüben, um die Menschen davon abzuhalten, einander zu jagen, ohne selbst Jagd auf sie zu machen.“

 

Aus psychologischer Sicht könnte man eine Reihe Persönlichkeitsmerkmale und sozial-emotionale Fertigkeiten benennen, die zur Demokratiekompetenz beitragen. Hier werden stellvertretend zwei wichtige Kompetenzen benannt: Selbstkontrolle und Solidarität.

 

Selbstkontrolle (Selbsterziehung)

Täglich verbringen wir zwischen drei und vier Stunden damit, Versuchungen zu widerstehen. Um einem Vorsatz oder Vorhaben treu bleiben zu können, braucht es aktive Selbstregulation. Selbstkontrolle ist die Fähigkeit, Kopf (Gedanken), Herz (Gefühle) und Hand (Verhalten) auf ein Ziel oder einen Wert hin zu lenken und dabei Versuchungen zu widerstehen. Walter Mischel, bekannt für seine Marshmallow-Experimente, konnte zeigen, dass 4-jährige Kinder, die der Versuchung widerstehen konnten, eine Süßigkeit sofort zu naschen, im Verlaufe der Jahre eine größere Lebenstüchtigkeit aufwiesen als Kinder, denen der Belohnungs-Aufschub einst nicht gelungen war. Jahre später hatten die nunmehr 17-Jährigen ein höheres Selbstwertgefühl, sie konnten besser mit Kritik umgehen, neigten weniger zum Drogenkonsum, und sie hatten stabilere Beziehungen. Die Bedeutung kindlicher Willenskraft konnte auch in der Dunedin-Studie bestätigt werden. Seit den 1970er Jahren werden über 1.000 Kinder aus Neuseeland wissenschaftlich begleitet. Im Alter von drei Jahren maßen die Forscher u.a. die Selbstkontrolle. Es konnte nachgewiesen werden: Selbstbeherrschte Kinder sind als Erwachsene erfolgreicher, gesünder und glücklicher.


In Bezug auf die Demokratiekompetenz zeigen Personen, die sich von Kindesbeinen an selbst erziehen, eine Reihe günstiger Verhaltensweisen. Sie sind vergleichsweise hilfsbereiter, leisten mehr Freiwilligenarbeit, machen großzügigere Spenden und geben Menschen in ihrem Umfeld mehr emotionale Unterstützung. Der Sozialpsychologe Roy Baumeister, der diese Erkenntnisse zusammengetragen hat, resümiert: „Die Willenskraft entwickelte sich, weil unser Vorfahren mit den Angehörigen ihres Klans auskommen mussten, und diesem Zweck dient sie bis heute. Disziplin nach
innen erzeugt Güte nach außen.“

Solidarität (Soziales Engagement)

Solidarität meint das unterstützende Engagement für andere, das auf Werten und Idealen beruht. Die Wissenschaft unterscheidet zwei Formen sozialen Engagements: (1) Solidarität als Eintreten füreinander auf der Grundlage gemeinsamer Interessen und (2) Solidarität als Unterstützung anderer bei unterschiedlichen Interessen. Die erste Kategorie kann als eine Form der Kooperation verstanden werden. Mitglieder einer Eigengruppe arbeiten zusammen und teilen die Arbeit auf, um eine gemeinsames Ziel zu erreichen oder ein Produkt herzustellen. Dieses Verhalten folgt der Norm der Reziprozität „Wie du mir, so ich dir!“ In großen Gruppen kommt es allerdings zu einer Diffusion der Verantwortung: der einzelne fühlt sich weniger verantwortlich für das Große und Ganze. Manche betätigen sich gar als „soziale Trittbrettfahrer“ und lassen die anderen schaffen.

 

Die zweite Form der Solidarität beruht auf Altruismus. Man möchte jenen, die in einer schwächeren Position sind, helfen, um ihnen Gutes zu tun. Diese Art der Solidarität lässt sich auf den christlichen Wert der Nächstenliebe zurückführen. „Der Weg der Nachfolge Jesu ist ein Weg der Solidarität“, sagt der Fuldaer Bischof Michael Gerber. Zugleich verweisen Psychologen auf den „Gerechte-Welt-Glaube“. Menschen, die nach Gerechtigkeit streben, sind eher motiviert, Notlagen anderer wahrzunehmen, zu benennen und solidarisches Verhalten zu zeigen.

 

Nach einer Erhebung des „Deutschen Zentrums für Altersfragen“ (2014) sind mehr als 40 Prozent der über 14-Jährigen in der Freiwilligenarbeit aktiv. Statt nach Feierabend gemütlich auf dem Sofa zu sitzen, leiten die Engagierten einen Chor, programmieren die Webseite der Pfarrgemeinde oder besuchen kranke Menschen im Seniorenheim. SeniorInnen, die ihr ehrenamtliches Engagement trotz eigener gesundheitlicher Problemen fortsetzten, erleben eine höhere Lebenszufriedenheit.

 

Hilfsbereitschaft setzt Mitgefühl voraus. Und dieses ist teilweise angeboren. Schon Einjährige streicheln andere Kinder, denen es offenbar schlecht geht. Dabei trösten Mädchen häufiger als Jungen. Mitgefühl bedingt Hilfsbereitschaft. Solidarisches Handeln ist für den Helfer manchmal mit geringen psychischen Kosten verbunden. Der Empfänger dagegen hat zumeist einen großen Nutzen. Wenn beispielsweise junge Menschen während der Corona-Krise SeniorInnen ihres Viertels mit Lebensmittel versorgen, freuen sie sich, mit dem Rad durch die Straßen zu düsen und helfen zu können. Die SeniorInnen wiederum sind hocherfreut, dass sie so liebevoll unterstützt werden.


Die „offene Gesellschaft“, in der ein immerwährender politischer Diskurs erfolgt, kommt in längeren Krisenzeiten an ihre Grenzen. Unter gewissen Umständen - wenn sich Ängste schneller als ein Virus ausbreiten - kommt schnell der Ruf nach einschränkenden Maßnahmen auf. Wenige Jahre vor seinem Tod blickte der kritische Rationalist Karl Popper hoffnungsfreudig in die ungewisse Zukunft: „Sie hängt von uns ab, von uns allen. Sie hängt davon ab, was wir und viele andere Menschen tun und tun werden: heute und morgen und übermorgen.“


 

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