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Stärken stärken statt nur Probleme bewältigen

Klaus Glas, 21.04.2022,

 

Wir schreiben das Jahr 1932. Die Oberin der „Schulschwestern von Notre Dame“ in Milwaukee (USA) gibt den Novizinnen den Auftrag, einen kurzen handschriftlichen Lebenslauf zu verfassen. Die jungen Frauen werden bald ihr ewiges Gelübde ablegen. Eine davon ist Cecilia O'Payne. Sie schreibt: „Gott hat meinem Leben einen guten Anfang gegeben, indem er mir seine unschätzbare Gnade schenkte... Das vergangene Jahr, indem ich als Kandidatin an der Universität Notre Dame studierte, war sehr glücklich. Nun bin ich voll erwartungsvoller Freude, die Ordenstracht Unserer Lieben Frau anzulegen und ein Leben in göttlicher Liebe zu verbringen.“

Eine weitere Novizin, Marguerite Donnelly, notiert auf ein Blatt Papier: „Ich wurde am 16. September 1909 geboren als ältestes von sieben Kindern, fünf Mädchen und zwei Jungen. Mein Noviziat habe ich im Mutterhaus verbracht... Mit Gottes Gnade will ich das Beste für unseren Orden, für die Ausbreitung des Glaubens und für meine persönliche Heiligung tun.“

70 Jahre nach diesem unscheinbaren Ereignis interessierten sich Epidemiologen für die Aufzeichnungen und den weiteren Lebenslauf der beiden Schwestern. Mit ihnen wurden 178 weitere Nonnen in die Studie einbezogen. Zum Zeitpunkt der Untersuchung lebte Cecilia noch; sie war 98 Jahre alt. Marguerite hatte im Alter von 59 Jahren einen Schlaganfall erlitten und war wenig später an den Folgen verstorben. Die Forscher hatten bei der Durchsicht aller schriftlichen Aufzeichnungen der Nonnen ein Muster entdeckt: Schwestern, die viele positiv getönte Sätze geschrieben hatten, lebten länger als jene, die nüchtern formuliert hatten. Im Schnitt lebten sie 7 Jahre (!) länger. Optimismus im jungen Erwachsenenalter fördert offenbar die Lebenserwartung.

 

Wie die positive Psychologie entstanden ist

Für solch frohe Botschaften interessiert sich die Positive Psychologie. Als Gründervater gilt Martin Seligman, der die mittlerweile klassische Nonnenstudie in seinem Buch „Der Glücks-Faktor“ (2009, S. 19) zitiert. Der vormalige Präsident der „American Psychological Association“ rief 1998 zu einer Schwerpunktverlagerung auf. Statt der einseitigen Beschäftigung mit negativen Emotionen, wie Angst und Depression, solle man künftig mehr Gewicht legen auf positive Gefühle und Verhaltensweisen, wie etwa Dankbarkeit und Solidarität. In den hundert Jahren zuvor hatte in der akademischen Psychologie beispielsweise die wissenschaftliche Analyse von Aggression und Gewalt zehnmal so viel Platz eingenommen wie die Erforschung von Altruismus und Hilfsbereitschaft. Nun wollte man den Fokus der Forschung mehr auf menschliche Stärken statt auf Schwächen liegen. Martin Seligman wusste wovon er sprach; er hatte sich jahrzehntelang mit der dunklen Seite der Psyche befasst. Einflussreich wurde die von ihm entwickelte Theorie der „Erlernten Hilflosigkeit“, die einen wichtigen Beitrag zur Depressionsforschung lieferte.

 

Dass die berufliche Beschäftigung mit negativen Dingen Einfluss auf die eigene Stimmung abgefärbt hatte, bemerkte er, als ihm seine jüngste Tochter die Leviten las. Beim Unkraut jäten im Garten hatte er ständig mit ihr geschimpft. Die Fünfjährige sagte: „Daddy, ich möchte mit Dir reden! Erinnerst du dich an meinen fünften Geburtstag? Zwischen drei und fünf hab' ich jeden Tag gejammert; ich war eine Heulsuse. Aber als ich fünf wurde, hab' ich beschlossen, damit aufzuhören. Das war das Schwerste, was ich je versucht habe. Und wenn ich aufhören kann zu jammern, dann kannst du auch aufhören, ein Griesgram zu sein.“ Das hatte gesessen. Die kleine Anekdote erzählte der renommierte Psychologe in dem Fachjournal „American Psychologist“. So etwas ist in der Fachwelt ungewöhnlich. Es scheint, als ob die Positive Psychologie nicht einfach eine weitere akademische Disziplin sein will. Tatsächlich entwickelte sie sich zwischenzeitlich zu einer Bewegung, die erforscht, was ein gelingendes Leben ausmacht. Trotz der viel beschworenen Wertfreiheit der Wissenschaft erlauben sich die Protagonisten der Positiven Psychologie, über Sinn und Werte zu forschen und entsprechende Empfehlungen für das gute Leben zu geben. Seligman ist überzeugt: „Die Menschen wollen mehr als nur ihre Schwächen korrigieren. Sie wünschen sich ein Leben, das mit Sinn erfüllt ist, und wollen sich nicht bloß abstrampeln, bis sie tot umfallen.“

 

Was die positive Psychologie erforscht

Seit nunmehr 20 Jahren erforscht man in mehr als 70 Ländern psychologische und soziale Prozesse, die dazu beitragen, das Leben lebenswert zu machen. Positive Psychologie als Wissenschaft vom gelingenden Leben untersucht positive Emotionen, Charakterstärken und Institutionen, die Menschen beim zusammen Wachsen (Flourishing) unterstützen.

„Schlecht wirkt stärker als gut“, lautet ein eingefleischtes Gehirnprinzip. Warum das so ist, kann man vereinfacht so beschreiben: Der Schöpfer hat uns das Gehirn nicht dafür eingepflanzt, damit wir als Individuen glücklich werden, sondern dass wir als Familie und Gesellschaft überleben lernen. Das Negative kommt im Leben von alleine. Um das Positive müssen wir uns dagegen (fast immer) aktiv bemühen. Erich Kästner hat diese Wahrheit auf den Punkt gebracht: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es!“ Vor dem Hintergrund eigener Forschungen formulierte der US-amerikanische Psychologe Roy Baumeister eine nützliche Faustregel: „Es braucht vier gute Erlebnisse, um ein schlechtes Erlebnis wettzumachen.“


Der
„Broaden-and-build-Therorie“ zufolge erweitern gute Gefühle unseren Horizont. Nur in einem positiven emotionalen Zustand können wir angeborene Fähigkeiten aktivieren und Fertigkeiten erlernen, die es uns ermöglichen, persönlich wie beruflich aufzublühen. Die Psychologin Barbara Fredrickson weist darauf hin: „Während negative Emotionen vornehmlich in der Gegenwart von Belang sind, wirken sich positive Gefühle vor allem auf die Zukunft aus.“ Gut untersucht ist das Persönlichkeitsmerkmal Optimismus. Diese Haltung zeichnet sich dadurch aus, in schwierigen Situationen Positives zu sehen und Gutes zu erwarten. „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther einst gesagt haben. Menschen mit einer positiven Grundeinstellung sind nachweislich erfolgreicher in ihrem Beruf, sie haben eine glücklichere Partnerschaft und eine bessere Gesundheit als Personen, die griesgrämig und missmutig sind. In einer Studie wurden bei Jurastudenten mehr und effektivere Immun-Zellen gefunden als bei pessimistischen Kommilitonen. Angesichts dieser Befunde kann man dem amtierenden Gesundheitsminister raten, in Bezug auf Corona weniger Angst-Nachrichten und mehr hoffnungsfrohe Botschaften zu verbreiten.

Die Positive Psychologie legt einen Fokus auf die Erforschung von Charakterstärken wie Dankbarkeit, Hoffnung, Tapferkeit und Liebe. Wer seine persönlichen Stärken kennenlernen möchte, kann online einen Fragebogen bearbeiten, der von Psychologen der Uni Zürich entwickelt wurde [
https://www.charakterstaerken.org/]. In der Psychotherapie führt die Förderung von Stärken zu besseren Therapie-Ergebnissen. Umgekehrt haben Menschen mit wenigen positiven Charaktereigenschaften ein zweifach erhöhtes Risiko, Depressionen zu entwickeln, betont der kanadische Psychologe Tayyab Rashid.

Martin Seligman veranstaltet
Dankbarkeits-Treffen. Dabei bringen Studentinnen und Studenten eine Person mit, der sie viel zu verdanken haben. Die Geladenen wissen nichts von ihrem Glück. Aber an diesem Tag erfahren sie, wie wichtig sie für jemanden sind, denn die jungen Leute tragen einen persönlichen Dankestext oder ein selbst verfasstes Lied vor. Für alle Anwesenden ist das ein anrührendes Erlebnis. Überzeugt ist der Psychologe von den weitreichenden Wirkungen eines Dankbarkeits-Tagebuches. Einige seiner Kollegen hatten Versuchspersonen in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe sollte auf kleine Freuden des Alltags achten, die zweite Gruppe lästigen Ärger-Kram aufschreiben und die dritte Gruppe neutrale Vorkommnisse in ein Tagebuch notieren. Nach zwei Wochen zeigte sich: Personen, die kleine Freuden sammelten, waren mit ihrem Leben zufriedener, sie blickten optimistischer in die Zukunft, sie fühlten sich ihren Mitmenschen mehr verbunden und - sie klagten weniger als andere über Kopf- und Rückenschmerzen.


 

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