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Mangelndes Mitgefühl

Klaus Glas, 01.06.2021,


Seit Milliarden Menschen Donald Trump in den Medien erlebt haben, gilt dieser als Inbegriff des Narzissten. Menschen wie der ehemalige US-Präsident haben ein überhöhtes Selbstbild und ergötzen sich an einem Gefühl der Großartigkeit. Narzissten streben einerseits danach, Bewunderung durch Selbstdarstellung zu erlangen. Andererseits greifen sie Kritiker an gemäß dem Leitspruch „Angriff ist die beste Verteidigung!“ In der Ehe will ein narzisstischer Partner, dass man ihm aufmerksam zuhört und ihm beständig Signale gibt, die ihm sagen: „Du bist das Beste, was mir je passiert ist!“

Was den Narzissen auszeichnet: er ist empfindlich gegenüber Kritik und empfänglich für Lob. Sein Selbstwert-Gefühl ist labil, weil er sich unbewusst von Bewertungen anderer abhängig macht. Im Unterschied zu einem selbstsicheren Menschen, der Gelassenheit und Souveränität ausstrahlt, wirkt der selbstverliebte Mensch arrogant und herablassend. Psychologisch gesehen läuft hinter der Bühne Folgendes ab: tief im Inneren ist ein Narzisst hin- und hergerissen, weil zwei Schemata - gedankliche und gefühlsmäßige Grundüberzeugungen - gleichzeitig aktiviert sind. Das eine Schema „Ich bin ein Versager!“ beißt sich mit dem Schema „Ich bin großartig!“

Der Psychologe und Psychotherapeut Rainer Sachse, der über die narzisstische Persönlichkeitsstörung geforscht hat, sagt: „Anders als Personen, die einfach nur hoch leistungsmotiviert sind im Sinne von Hoffnung auf Erfolg, haben Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung immer eine Ebene von Selbstzweifel, von Furcht vor Misserfolg, eine Ebene der Angst, scheitern zu können.“

Seit den 1980er Jahren beobachten Psychologen eine Zunahme des Narzissmus und eine Abnahme von Mitgefühl bei den Menschen in der westlichen Welt. Der Persönlichkeits-Psychologe Jens B. Asendorpf resümiert: „Diese Trends werden nicht nur in Selbstbeurteilungen der Persönlichkeit deutlich, sondern in der massiven Zunahme von Schönheitsoperationen, der Zunahme von Reality-TV-Shows, der Inflationierung von Bestnoten bei Schülern, der Zunahme von ichbezogenen Wörtern in Texten und Liedern sowie der Zunahme der Wahl möglichst individueller Vornamen bei den eigenen Kindern.“

Freiwilligenarbeit und Spenden sind bei jungen Erwachsenen in den 2000er Jahren deutlich zurückgegangen. „Vermutlich hängen diese Veränderungen mit dem fortschreitenden Medienkonsum zusammen“, meint der Neuropsychologe Lutz Jäncke. Vor 2000 Jahren waren die Menschen mehr draußen, sie begegneten einander von Angesicht zu Angesicht. In Galiläa verkündete Jesus die Botschaft vom „Reich Gottes“. Der Evangelist Matthäus erzählt: „Er heilte alle Kranken und Leidenden. Als er die Scharen von Menschen sah, ergriff ihn tiefes Mitgefühl; denn sie waren erschöpft und hilflos wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: »Die Ernte ist groß, doch es sind nur wenig Arbeiter da. Bittet deshalb den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter auf sein Erntefeld schickt!« (Mt 9, 35 - 38)


 

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